Das Fachmagazin Auto Motor und Sport (AMS) hat eine kühne These aufgestellt: Würden wir die tatsächlichen Kosten des CO₂‑Ausstoßes im Verkehr realistisch bepreisen, müsste der Liter Sprit eher bei rund vier Euro liegen als bei den aktuellen Preisen. In der Sache steckt eine radikale, aber durchaus notwendige Debatte – vor allem zu Zeiten, in denen die EU offenbar ihre eigenen Klimaziele für den Verkehr aufweichen und verbrennerfreundlicher gestalten will.
Was wäre also, wenn der Liter Sprit alle Kosten widerspiegeln würde, die er verursacht?
An der Zapfsäule leuchtet der Preis in großen Ziffern. 1,479 Euro. 1,529 Euro. Ein Wert mit drei Nachkommastellen, der so tut, als sei er präzise. Als bilde er die Wirklichkeit ab. Dabei ist er vor allem eines: unvollständig.
Denn der Liter Benzin, den wir kaufen, endet nicht im Tank. Er setzt seine Reise fort – in der Luft, in der Lunge, im Klima, in den Haushaltsbudgets der Zukunft. Würde man all das einpreisen, was dieser Liter verursacht, stünde dort kein vertrauter Preis mehr, sondern eine unbequeme Wahrheit. Drei Euro. Vier Euro. Vielleicht mehr. Ehrlich wäre der Liter erst, wenn er seine Schäden mitbezahlt. Wenn Hitzesommer, Hochwasser, Atemwegserkrankungen, Lärmbelastung und geopolitische Abhängigkeiten nicht als abstrakte Randnotizen gelten würden, sondern als Rechnungsposten. Heute tauchen sie nicht an der Zapfsäule auf, sondern in Krankenakten, Versicherungsbilanzen und Staatshaushalten. Wir zahlen sie – nur zeitversetzt und gemeinsam, damit es nicht so auffällt.
Das politische System weiß das. Und es fürchtet die Ehrlichkeit des Preises. Kaum etwas reagiert so empfindlich wie der Liter Kraftstoff. Er ist Messgerät für soziale Gerechtigkeit, Stimmungslage und Wahlchancen. Steigt er zu schnell, brennt es auf der Straße. Also bleibt er gedämpft, abgefedert, subventioniert. Nicht aus Ignoranz, sondern aus Vorsicht.
Dabei ist der niedrige Preis kein Naturgesetz, sondern ein historischer Kompromiss. Er stammt aus einer Zeit, in der Mobilität gleichbedeutend war mit Verbrennung, in der Alternativen selten und Zukunftskosten unsichtbar waren. Diese Zeit ist vorbei – der Preis aber ist geblieben.
Ein ehrlicher Liter würde vieles verändern. Nicht über Nacht, aber spürbar. Fahrten würden bewusster, Wege kürzer, Fahrzeuge kleiner. Öffentlicher Verkehr wäre plötzlich kein Verzicht mehr, sondern ein vernünftiges Angebot. Elektromobilität müsste sich nicht erklären, sondern wäre schlicht logisch. Der Markt würde nicht verzerrt, sondern erstmals korrekt reagieren.
Die Gegenfrage lautet daher nicht: Können wir uns einen ehrlichen Liter leisten? Sondern: Können wir uns den unehrlichen noch leisten?
Denn jeder zu billige Liter ist ein Kredit auf Kosten der Zukunft. Einer, den wir nicht als Schuldenstand sehen, sondern als Normalität. Die Rechnung wird trotzdem kommen – nur nicht an der Zapfsäule. Vielleicht ist das der eigentliche Skandal: Nicht, dass Benzin teuer werden könnte. Sondern dass es so lange billig blieb, ohne ehrlich zu sein. Die provokante Rechnung aus einem AMS‑Artikel – Spritpreise müssten bei vier Euro liegen, wenn wir CO₂ wirklich „entsorgen“ würden – zeigt vor allem eines: Unser aktuelles Preissystem verzerrt die Realität. Wer heute noch günstig mit Benzin fährt, erhöht faktisch die Kosten für Klima‑Schäden, die wir morgen zahlen müssen. Volkswirtschaftlich ist das Festhalten am Verbrenner folglich eine Katastrophe.
Und für Elektroautos heißt das: Sie sind nicht nur ein technischer Fortschritt, sondern eine Antwort auf ein fundamental falsches Preissignal im Verkehr. Je schneller diese Verzerrung korrigiert wird, desto klarer wird auch der wirtschaftliche Vorteil der Elektromobilität. Und dann braucht es keine lebenserhaltenden Maßnahmen für Verbrenner mehr, weil sie eh fast niemand mehr möchte.




Kommentar schreiben
Klaus Baumeister (Montag, 05 Januar 2026 15:57)
Das Dumme an der Sache ist, dass der oft als "Diesel Dieter" bezeichnete Verbrennerenthusiast, Texte, die mehr als drei Sätze beinhalten, für zu anstrengend hält.
Leo Fellinger (Montag, 05 Januar 2026 16:25)
Danke für den Hinweis. Hier ist die Zusammenfassung in drei Sätzen:
Der aktuelle Kraftstoffpreis bildet die tatsächlichen Kosten für Klima- und Gesundheitsschäden nicht ab, weshalb Experten einen „ehrlichen“ Preis von etwa vier Euro pro Liter fordern. Diese künstliche Verbilligung wirkt wie ein Kredit auf Kosten der Zukunft und verzerrt den Wettbewerb zulasten klimafreundlicher Alternativen wie der Elektromobilität. Eine ehrliche Bepreisung würde das Mobilitätsverhalten grundlegend verändern und den wirtschaftlichen Vorteil emissionsfreier Antriebe ohne weitere Subventionen verdeutlichen.
Helena Blaschke (Mittwoch, 07 Januar 2026 02:05)
Und jetzt auch noch in einfacher Sprache – so wie in der Bildzeitung.