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Ein LOVELECTRIC-Roadtrip auf den Spuren von Elio und Oliver

Manche Geschenke werden ausgepackt. Andere beginnen in dem Moment, in dem man den Startknopf drückt. Zum 16. Geburtstag unserer Enkeltochter schenkten wir ihr keine Schachtel mit einer Schleife, sondern ein paar gemeinsame Tage an einem Ort, den sie längst schon kannte – oder zumindest glaubte, ihn zu kennen.

 

Die Landschaft aus dem Film „Call Me by Your Name“ hatte sie schon unzählige Male gesehen: flirrende Sommertage, alte Villen, schattige Alleen, Plätze voller Gelassenheit und die Geschichte von Elio und Oliver, die sich im Sommer 1983 ineinander verlieben. Nun wollten wir sehen, wie sich diese Welt anfühlt, wenn man selbst durch sie geht. Und weil Reisen für uns seit Jahren untrennbar mit Elektromobilität verbunden ist, wurde daraus ein weiterer LOVELECTRIC-Roadtrip.

 

Doch vorher noch eine Erklärung für alle, die noch nicht wissen, um welchen Film es sich dabei handelt: „Call Me by Your Name“ ist ein sensibles, von Luca Guadagnino im Jahr 2017 inszeniertes Liebesdrama. Im Sommer 1983 verbringt der 17-jährige Elio (gespielt von Timothée Chalamet) die Ferien in der norditalienischen Villa seiner Eltern in Crema. Als der 24-jährige US-amerikanische Doktorand Oliver (Armie Hammer) als Gast seines Vaters anreist, entwickelt sich zwischen Elio und Oliver eine intensive, leidenschaftliche und schmerzhafte Liebe. Die Handlung ist geprägt von Müßiggang, Hitze, Musik, Schwimmen und Fahrradausflügen in der malerischen Provinz. Es ist nicht nur ein Entdecken der Liebe und der damit verbundenen Suche nach der eigenen Identität, sondern eine feinsinnige Coming-of-Age-Geschichte über Begehren, Unsicherheit und sexuelle Selbstfindung. Vergänglichkeit und Schmerz geben einander die Hand – der Abschied am Ende des Sommers markiert das Ende der Romanze und hinterlässt eine tiefe emotionale Spur. Ein Film über einen Sommer, der nie ganz vergeht, und darüber, wie Orte Gefühle speichern können. Ein unglaublich dichter Film, der an die besten Zeiten des französischen Films erinnert – mit Alain Delon und Romy Schneider zum Beispiel.

 

Zurück zum Roadtrip: Leichte Sommerkleidung wanderte ins Auto. Die Wettervorhersage versprach Temperaturen zwischen 25 und 32 Grad. Der Tesla (1) war geladen, die Route geplant, der Soundtrack stand fest. Als wir morgens Seekirchen verließen, legte sich „Mystery of Love“ von Sufjan Stevens über die ersten Kilometer. Selten hat ein Lied eine Reise so selbstverständlich begleitet. Es wollte nichts erzählen, sondern öffnete einfach einen Raum, in den man hineinfahren konnte. Über den Brenner, vorbei an Affi, glitten wir nahezu lautlos Richtung Lombardei. Die Ladestopps unterwegs fühlten sich nicht wie Unterbrechungen an, sondern wie kleine Atemzüge einer Reise, die keinen Zeitdruck kannte.

 

Unterwegs kamen wir auf die Autos des Films zu sprechen: Fiat 128, Alfa Romeo Giulia, Citroën DS, Volkswagen Käfer Cabriolet – Automobile, die den Sommer 1983 mitgeprägt haben und heute beinahe selbst zu Filmfiguren geworden sind. Heute schwärmen wir von ihrer Eleganz, von den Farben und Formen einer Zeit, die unsere Enkeltochter nie erlebt hat. Und doch stellten wir uns eine naheliegende Frage: Was wäre aus diesen Ikonen geworden, wenn sie heute gebaut würden? Einige Namen leben tatsächlich weiter. Der Fiat 600 ist als Elektroauto zurückgekehrt. Andere existieren nur noch in Garagen von Sammlern oder werden mit großem Aufwand elektrifiziert. Die meisten aber gehören einer Zeit an, in der Freiheit nach Benzin roch und Motoren laut sein mussten. Wir fuhren durch dieselbe Landschaft wie einst Elio und Oliver – nur hörten wir statt Motorengeräuschen den Wind und Musik. Vielleicht ist genau das der eigentliche Luxus des Reisens geworden.

 

Im Gepäck hatten wir auch Kameras. Ja, natürlich kann man alles auch mit einem Smartphone festhalten, aber unserer Enkeltochter war es wichtig, eine Analogkamera (3) zu verwenden – eine, bei der alles auf Film gebannt wird und man keine Sofortkontrolle über den Bildschirm hat, denn den gibt es nicht.

Am frühen Nachmittag erreichten wir Crema. Es gibt Städte, die sich sofort erklären. Crema gehört nicht dazu. Die Stadt drängt sich nicht auf. Sie wartet. Auf Menschen, die langsam gehen. Die sich in einer Seitengasse verlieren dürfen. Die nicht nach Sehenswürdigkeiten suchen, sondern nach Atmosphäre. Nach dem Einchecken in unserem kleinen Apartment zog es uns direkt in die Altstadt. Die Piazza Duomo lag in warmem Nachmittagslicht, unter den Arkaden saßen Einheimische beim Espresso, Fahrräder mit geflochtenen Einkaufskörben lehnten an alten Mauern, und irgendwo schlug eine Kirchenglocke.

 

Natürlich führte uns der erste Weg zur Bar Margherita. Wir sollten sie nicht finden, weil es sie in dieser Form nicht mehr gibt. Aber der Platz, an dem Oliver und Elio saßen, war noch da. Auch die Möbel dazu – heute im Tourismusbüro der Stadt ausgestellt, wie auch die beiden originalen Fahrräder, mit denen die beiden ihre Ausflüge unternahmen.

 

Für unsere Enkeltochter war es einer jener seltenen Momente, in denen Kino plötzlich Wirklichkeit wird. Die legendäre alte Holztür in der Via Dante Alighieri ist nur wenige Schritte von der zentralen Piazza del Duomo entfernt. Die unscheinbare, aber ikonische grün-braune Holztür, an der Elio und Oliver in der Filmszene zärtliche Momente austauschen, ist ein beliebtes Fotomotiv. Um sie zu fotografieren, mussten wir uns sogar anstellen. Heute ist diese Tür über und über mit Namen und Botschaften übersät, ebenso die gegenüberliegende Wand. Junge Liebende hinterlassen ihre Namen und Liebesschwüre als Botschaften für sich und andere. Eine Poesie, die echt wirkt.

Wir standen also vor dieser Tür, als sie sich plötzlich öffnete. Ein Moment, mit dem wir nicht gerechnet hatten – auch nicht damit, dass hinter dieser Tür auch Menschen wohnen. Vor uns stand Can und lächelte. Ein seltsamer und ganz besonderer Moment, der uns den Tag beschließen ließ. Wir setzten uns in ein Café am Piazza del Duomo und beobachteten die Menschen. Denn das Schönste an Crema ist vielleicht, dass der Film die Stadt nicht verändert hat. Sie atmet einfach weiter.

Den Abend beschlossen wir bei regionaler Küche in einer kleinen Trattoria. Mit einer Pasta am Teller, die es nur hier gibt: Tortelli Cremaschi (2) – ein Glas Wein für uns, viele Gespräche und dieses angenehme Gefühl, angekommen zu sein. Am Nebentisch saßen eine Tochter mit ihrer Mutter aus Berlin, die aus demselben Grund in Crema zu sein schienen. Unbeabsichtigt belauschten wir ein Gespräch mit einem Italiener, der wie zufällig vorbeikam – es war Alberto, der hier die „Elio & Oliver Love Tour“ anbietet. Er weiß alles über den Film und die Gegend, erzählt Anekdoten aus der Drehzeit und weiß auch, wo die eine oder andere Statistin wohnt. Im Rahmen seiner Tour bringt er die Menschen auch zu einer Trattoria am Weg, wo man um 14 Euro ein Menü inklusive Getränke bekommt. Wir haben es am nächsten Tag probiert – es stimmt.

Am nächsten Morgen fuhren wir hinaus nach Moscazzano. Die Villa Albergoni, das Haus der Familie Perlman, liegt bis heute verborgen hinter schmiedeeisernen Toren. Man kann sie nicht besichtigen. Und vielleicht ist das gut so. Manche Orte behalten ihre Kraft gerade deshalb, weil sie sich nicht vollständig erschließen lassen. Nur wenige Minuten entfernt liegt der Fontanile Quarantina, eine unscheinbare Quelle zwischen Feldern und Bäumen. Im Film ist sie Elios geheimer Rückzugsort. In Wirklichkeit ist sie genau das geblieben: still und magisch. Wir hörten das leise Plätschern des Wassers und schwiegen eine Weile. Unsere Enkeltochter „taufte“ das Buch – eine englischsprachige Ausgabe von André Acimans unglaublich fesselndem Roman, der die Basis für den Film lieferte.

 

Noch eine kleine Wanderung zum Teich, dem Laghetto dei Riflessi, wo Elio mit seiner Freundin Marzia (Esther Garrel) vom exzessiven Tanzabend zu einem nächtlichen Bad entflieht. Der kleine Steinbruchsee im Naturschutzgebiet Palata Menasciutto, südwestlich von Ricengo, ist malerisch, allerdings nicht für Schwimmer, baden verboten.

Am Nachmittag ging es weiter nach Bergamo. Die Fahrt dauerte kaum vierzig Minuten. Der Akku unseres Tesla war noch weit vom nächsten Ladestopp entfernt. Auch das gehört inzwischen zu unseren Reisen: Reichweite ist längst kein Thema mehr. Das beste Ladeerlebnis ist jenes, das man gar nicht bemerkt. In diesem Sinne sind wir unserem Prinzip, nur noch Hotels zu buchen, die auch über eine Lademöglichkeit verfügen, etwas untreu geworden. Die Priorität war diesmal eine andere, nämlich möglichst nahe an den Drehorten zu wohnen. In diesem Fall waren es immer die historischen Altstädte, so auch in Bergamo. Die Città Alta empfing uns mit ihren jahrhundertealten Mauern, kleinen Gassen und der Piazza Vecchia, die im Abendlicht fast unwirklich schön wirkte. Hier entstanden einige der letzten gemeinsamen Szenen von Elio und Oliver. Zum einen die Pension, in der die beiden wohnten, das leider jetzt geschlossene Hotel Agnello d'Oro, und auch die Tanzszene auf der Rückseite der Basilika Santa Maria Maggiore. Während wir den Orten und den Figuren nachspürten, verloren wir uns im warmen Licht der Palazzi, in Gesprächen der Menschen auf den Plätzen und in der besonderen Geschäftigkeit einer Stadt, die ihre Geschichte nicht nur ausstellt, sondern am Leben erhält – und dabei am Rande ameisenhafte Touristenströme auf seinem Rücken ertragen muss.

Am dritten Tag führte uns die Reise über einen kleinen Zwischenstopp am Iseo-See (und der zauberhaften Insel Monte Isola) weiter an den Gardasee. Sirmione besitzt diese seltene Mischung aus touristischem Trubel und zeitloser Schönheit. Man lässt die Scaligerburg hinter sich und glaubt, nun wird es ruhiger. Leider ein Trugschluss, denn auch hier tobt die italienische Sommerfrische in ihrer lebendigsten Form. Etwas weiter draußen, zwischen alten Olivenbäumen, liegen die Grotten des Catull. Von hier blickt man weit über den See, dessen Wasser beinahe unwirklich blau schimmert. Im Film untersucht Elios Vater hier die aus dem See geborgenen antiken Bronzen. Die Verbindung zwischen Landschaft, Archäologie und Erinnerung gehört zu den leisen Motiven des Films. Vor Ort versteht man plötzlich, warum. Geschichte liegt hier nicht im Museum, sie ist Teil der Landschaft geworden. Wir mischen uns unter die urlaubenden Menschen und baden am Jamaica Beach, eine Legende für sich.

Am Abend saßen wir lange zusammen. Wir sprachen über Filme, über das Älterwerden, das Jungsein und darüber, wie unterschiedlich Generationen dieselben Orte erleben können. Vielleicht war genau das das eigentliche Geschenk dieser Reise: nicht die Drehorte, nicht die Fotos, sondern die Gespräche dazwischen. Als wir am nächsten Morgen wieder Richtung Österreich aufbrachen, schien Norditalien langsam hinter uns zu verschwinden. Vier Tage waren vergangen. Für unsere Enkeltochter war es die Reise in die Welt ihres Lieblingsfilms. Für uns kostbare Zeit mit einem der Kinder unserer Kinder auf der gemeinsamen Suche nach dem italienischen Sommer.

Vielleicht ist auch eine Gemeinsamkeit zwischen „Call Me by Your Name“ und einem elektrischen Roadtrip die Tatsache, dass das Wertvollste nicht das Ankommen ist, sondern die Zeit dazwischen. Je länger wir unterwegs sind, desto weniger empfinden wir Elektromobilität als Technik. Sie verändert vor allem die Art des Reisens. Man hört wieder die Landschaft. Das Gespräch. Den Wind, wenn man das Fenster öffnet. Man kommt nicht schneller an, aber oft aufmerksamer. Und es ist so – wie diesmal – schön, unterwegs zu sein mit einer Generation, bei der nachhaltiges Reisen eine Selbstverständlichkeit sein wird, weil sie den Klang eines Motors schon vergessen hat und für die der Schutz von Umwelt und Klima mehr Priorität hat als bei allen Generationen davor.

 

 

(1) Ein paar technische Fakten zur Reise: Unterwegs waren wir mit einem Tesla Y, der für uns ein paar großartige und ein paar weniger lobenswerte Details bereithält. Letzteres zuerst: Die Abrollgeräusche sind für lautloses Reisen leider etwas zu laut, und das Fahrwerk ist fürs entspannte Bummeln etwas zu hart. Wettgemacht wird das durch den unglaublich sparsamen Verbrauch: Im Schnitt haben wir im Mix zwischen Autobahn und Landstraße etwa 16 kWh verbraucht, auf reinen Autobahnfahrten nie mehr als 18 kWh. Dazu muss man immer wieder die Tesla-Idee hervorheben, dass ein E-Auto nicht nur ein Auto ist, sondern ein komplettes Ökosystem, das das Ladenetzwerk auf selbstverständlichste Weise mit einbezieht. Bis heute beispiellos. Unsere Ladekosten für diese Reise: 107,68 Euro – plus den kostenlosen Sonnenstrom, den wir schon zu Hause geladen hatten. 1.470 km haben wir in den vier Tagen zurückgelegt.

(2) Die Tortelli Cremaschi sind ein typisches Gericht, das nur in der Stadt Crema bekannt ist, eigentlich innerhalb der Grenzen des antiken Territoriums von Crema, das einst zu Venedig gehörte. Die Zutaten sind einzigartig: Die Füllung besteht aus zerbröckelten Amaretto-Keksen, kandierter Zitrusschale, Muskatnuss, Mostaccino (ein würziger Keks, typisch für Crema), Eigelb, Salz, geriebenem Grana Padano, geriebener Zitronenschale, Marsala, Minzbonbons (nicht mehr als vier pro Kilo Mehl) und eingeweichten Rosinen. Alles Zutaten, die aus dem Handel mit dem Orient stammten, der jahrhundertelang unter dem Monopol der Venezianer stand. Serviert werden die Tortelli Cremaschi in geschmolzener Salbeibutter.

(3) Unsere Analog-Foto-Ausrüstung:

Lomo LC-A (1991), Leica M3 (1961), Nikon F 801 (1988), Pentax Espio Mini (1994).

Folgende Filme kamen zur Verwendung: Polaroid Farbe 100 ASA, abgelaufen im Jahr 1992 (Lomo), TMX S/W 400 ASA (Leica) und TMX S/W 100 ASA (Nikon), beide abgelaufen im Jahr 1994, Kodak Farbe 200 ASA, neu (Pentax)

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