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Die Hitze tötet doppelt so viel Menschen als der Verkehr

Armin Wolf hat in der ZIB 2 am 26. Juni 2026 eine interessante These aufgestellt. Jährlich sterben in Österreich mehr Menschen an der Hitze als im Verkehr. Davon leitet er folgendes ab: Während die Reduktion der Verkehrstoten immer mit neuen Gesetzen vorangetrieben wurde und damit mehr Sicherheit geschaffen wurde, geschieht dies im Fall der Klimakrise und Erderwärmung so gut wie gar nicht. 

 

Die messerscharfe These von Armin Wolf trifft den Nagel auf den Kopf und legt eine tiefgreifende politische Schizophrenie in unserem Umgang mit Gefahr und Sicherheit offen. Die nackten Zahlen bestätigen diese Beobachtung voll und ganz: Laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) verzeichnen wir in Österreich in heißen Sommern regelmäßig eine hitzebedingte Übersterblichkeit, die teils weit über 500 und in Extremjahren an die 1.000 Personen heranreicht. Demgegenüber weist die Statistik Austria für die letzten Jahre konstant unter 400 Verkehrstote pro Jahr aus (Tendenz durch immer bessere Technik sogar sinkend). Die Hitze tötet in Österreich also mittlerweile mehr als doppelt so viele Menschen wie der Straßenverkehr.

 

Doch die politische und legislative Reaktion auf diese beiden Bedrohungen könnte nicht unterschiedlicher sein. Hier ist die detaillierte Analyse dieser Diskrepanz:

 

1. Das Verkehrsparadigma: Harte Gesetze retten Leben

Als die Verkehrstoten in den 1970er Jahren Rekordwerte erreichten (teils über 2.500 Tote pro Jahr in Österreich), handelte der Staat drastisch. Es wurden Gesetze erlassen, die damals hochgradig unpopulär waren und als massiver Eingriff in die persönliche Freiheit gebrandmarkt wurden.

 

• Die Gurtpflicht (1976): Ein Aufschrei ging durch das Land. Es hieß, der Staat wolle die Bürger anketten. Heute ist es eine unbestrittene Selbstverständlichkeit.

• Tempolimits und Promillegrenzen: Die Einführung von Tempo 130 auf Autobahnen, Tempo 50 im Ortsgebiet und die strenge 0,5-Promille-Grenze waren massive Einschnitte in das vermeintliche "Recht auf freie Fahrt".

• Technische Vorgaben: Die Einführung der Pickerl-Überprüfung (§ 57a) zwang Besitzer, in die Sicherheit ihrer Fahrzeuge zu investieren, andernfalls wurde das Kennzeichen entzogen.

 

Das Fazit hier: Der Staat hat akzeptiert, dass Appelle ("Fahren Sie bitte vorsichtig") nicht reichen. Er hat mit harten, kontrollierten Gesetzen durchgegriffen, um das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit zu schützen.

 

2. Das Klimaparadigma: Tödliches Laissez-faire

Betrachten wir nun den Umgang mit der Erderwärmung, die nachweislich mehr Todesopfer fordert. Anstatt mit derselben staatlichen Entschlossenheit vorzugehen, regiert hier das Prinzip der Freiwilligkeit und der politischen Verzögerung.

 

• Fehlendes Klimaschutzgesetz: Österreich hat es über Jahre hinweg nicht geschafft, ein verbindliches Klimaschutzgesetz mit klaren, einklagbaren Reduktionspfaden zu verabschieden. Stellen Sie sich vor, wir hätten jahrelang keine Straßenverkehrsordnung.

• Bodenversiegelung als Hitzetreiber: Anstatt die Versiegelung per Gesetz hart zu deckeln (z.B. auf die oft geforderten 2,5 Hektar pro Tag), wird weiterhin zubetoniert. Jeder neue Asphaltparkplatz heizt unsere Ortskerne weiter auf und kostet in Hitzewellen wortwörtlich Menschenleben. Es gibt hierfür kein "Tempolimit".

• Weiterhin fossile Subventionen: Während im Verkehr Sicherheitsrisiken verboten wurden, werden klimaschädliche Praktiken durch das Dieselprivileg oder Pendlerpauschalen, die Verbrenner begünstigen, staatlich mit Milliarden gefördert.

 

3. Warum handelt die Politik so unterschiedlich?

Der Kern von Wolfs These liegt in der Psychologie der Wahrnehmung:

• Der Verkehrstod ist sichtbar, laut und akut. Er passiert mit Blaulicht, Sirenen, zersplittertem Glas und Blut auf der Straße. Er ist medienwirksam und schockiert sofort.

• Der Hitzetod ist unsichtbar, leise und schleichend. Er stirbt sich hinter heruntergelassenen Jalousien in überhitzten Dachgeschosswohnungen oder Pflegeheimen. Auf dem Totenschein steht dann oft "Herz-Kreislauf-Versagen", nicht "Klimakrise". Er trifft vor allem die Schwächsten (Ältere und Kranke), weshalb er politisch leichter als "natürlicher Lauf der Dinge" abgetan wird.

 

4. Die Politik muss endlich handeln

Um Österreich auf einen echten Klimaschutz-Pfad zu bringen – und das Land gleichzeitig wirtschaftlich und energetisch unabhängig zu machen –, braucht es ein Maßnahmenpaket, das weit über reine Appelle hinausgeht. Es erfordert den konsequenten Umbau von Infrastruktur und finanziellen Anreizen nach einer klaren kaufmännischen und ökologischen Logik.

 

Hier sind die zentralen Hebel, die in Österreich umgelegt werden müssen, aufgeteilt in strategische Handlungsfelder:

 

Finanzielle Lenkungswirkung: Weg mit den fossilen Fehlanreizen

Der Staat darf nicht länger mit Steuermilliarden genau das fördern, was uns langfristig schadet.

• Stopp aller klimaschädlichen Subventionen: Dazu gehört in Österreich zwingend die Abschaffung des Dieselprivilegs (die steuerliche Begünstigung von Diesel gegenüber Benzin).

• Ökologisierung der Pendlerpauschale: Die aktuelle Regelung fördert oft blind das Zurücklegen weiter Strecken mit dem Verbrenner. Die Pauschale muss an den tatsächlichen CO₂-Ausstoß oder die Nutzung von ÖPNV/Fahrgemeinschaften gekoppelt werden (z. B. als einkommensabhängiger Öko-Bonus).

• Wahre Kosten (CO₂-Bepreisung): Der CO₂-Preis muss spürbar und planbar steigen, damit klimaschädliches Verhalten unwirtschaftlich wird. Die Einnahmen müssen als Klimabonus vollständig und sozial gestaffelt an die Bevölkerung zurückfließen.

 

Die Mobilitätswende: Elektrisch, intelligent und bedarfsgerecht

Der Verkehr ist das absolute Sorgenkind der österreichischen Klimabilanz. Hier braucht es radikale Schritte hin zu einem intelligenten Gesamtsystem.

• Konsequenter Umstieg auf E-Mobilität: Ein klares, vorgezogenes Enddatum für die Neuzulassung von Verbrennungsmotoren auf nationaler Ebene. Flottenbetreiber und Unternehmen (Dienstwagen) müssen sofort auf 100 % Elektro verpflichtet werden.

• Fahrzeuge als rollende Speicher (V2G/V2H): Bidirektionales Laden muss gesetzlicher Standard werden. Elektroautos müssen als dezentrale Schwarmspeicher in das österreichische Stromnetz integriert werden, um Spitzen abzufedern.

• Ausbau und Automatisierung des ÖPNV: Massive Investitionen in den Bahnverkehr und vor allem in den ländlichen Micro-ÖPNV. Der Einsatz von autonomen Shuttles muss forciert werden, um den ländlichen Raum ohne die erdrückende Personalkostenfalle hochfrequent anzubinden.

 

Die Wärmewende: Raus aus Öl und Gas

Gebäude stehen jahrzehntelang. Jede heute noch verbaute fossile Heizung ist eine Fehlinvestition für Generationen.

• Verbindlicher Heizungstausch: Ein striktes Einbauverbot für neue Öl- und Gasheizungen. Bestehende Anlagen müssen durch großzügig geförderte, aber verpflichtende Austauschprogramme (z. B. auf Wärmepumpen oder Anschluss an Nah-/Fernwärme) ersetzt werden.

• Thermische Sanierungsoffensive: Die billigste und sauberste Energie ist die, die wir gar nicht erst brauchen. Die Sanierungsquoten für Bestandsgebäude müssen durch massive Förderungen und steuerliche Abschreibungsmodelle von derzeit unter 1 % auf mindestens 3 % pro Jahr verdreifacht werden.

 

Energieproduktion: Die Festung der erneuerbaren Vernunft

Um die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme zu stemmen, muss das Angebot an sauberem Strom massiv wachsen.

• Entfesselung der Erneuerbaren: Radikale Verkürzung und Vereinfachung der Genehmigungsverfahren für Windkraft, Photovoltaik (PV) und Wasserkraft. PV-Pflicht auf allen neuen Dächern und über großen versiegelten Flächen (Supermarktparkplätze).

• Netzausbau: Die besten Kraftwerke nützen nichts ohne leistungsstarke Leitungen. Das Stromnetz muss massiv und vorausschauend ausgebaut und digitalisiert (Smart Grids) werden.

 

Raumordnung und Kreislaufwirtschaft: Was wir haben, klug nutzen

Österreich ist Europameister im Verbauen seiner eigenen Natur. Das vernichtet landwirtschaftliche Flächen und verschärft Wetterextreme.

• Stopp der Bodenversiegelung: Verbindliche Obergrenzen für den täglichen Bodenverbrauch (das oft zitierte 2,5-Hektar-Ziel muss ins Gesetz). Strikter Schutz von Grünland und Fokussierung auf Nachverdichtung in Ortskernen.

• Retrofit statt Wegwerfgesellschaft: Der Staat muss bei öffentlichen Beschaffungen (z. B. Busflotten, Maschinen) den Erhalt und die Modernisierung von bestehendem Material belohnen. Die Umrüstung intakter Diesel-Fahrzeuge auf Elektroantriebe muss der teuren Neuanschaffung gleichgestellt oder bevorzugt behandelt werden.

 

Die Schlussfolgerung:

Armin Wolfs These beweist wirtschaftlich und moralisch, dass wir beim Klimaschutz aufhören müssen, auf Freiwilligkeit zu hoffen. Wenn eine Gefahr tödlich ist, braucht es Strukturveränderungen und verbindliche Gesetze. Genau deshalb ist die Forderung nach Dekarbonisierung  kein romantisierender Öko-Traum, sondern harte zivile Daseinsvorsorge. Der konsequente Ausstieg aus fossilen Energien, die intelligente Nutzung von E-Mobilität zur Netzstabilisierung und die Entsiegelung unserer Böden sind die "Gurtpflicht" und der "Airbag" des 21. Jahrhunderts. Wer sich heute gegen bindende Klimagesetze wehrt, verhält sich exakt wie jene, die in den 70er Jahren betrunken und unangeschnallt durchs Ortsgebiet rasen wollten – auf Kosten der Allgemeinheit.

 

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