· 

6. Etappe | Tag 12 - Vom Ende der Insel ins kreative Zentrum von Fünen

Es gibt Orte, die wirken, als hätten sie beschlossen, sich dem Lauf der Zeit nicht entgegenzustellen. Lundsgaard ist so ein Ort. Das weiße Herrenhaus steht seit Jahrhunderten zwischen alten Bäumen und  Wirtschaftsgebäuden. Früher wurde hier Landwirtschaft organisiert, heute findet Kultur in Form von Konzerten,  Kunstausstellungen und Begegnungen von Künstler:innen und Wissenschaftler:innen statt. Das Gut hat seine Funktion verändert, aber nicht seinen Charakter. Vielleicht liegt gerade darin ein Geheimnis vieler dänischer Orte: Sie versuchen nicht, die Vergangenheit zu konservieren. Sie geben ihr eine neue Aufgabe.

 

Am Ende der Insel

 

Wir verbringen hier zwei Nächte auf unserer Dänemark-Rundreise. Es sind die vorletzten. Noch einmal durchatmen, bevor die Reise ihrem Ende entgegengeht. Am Morgen fahren wir Richtung Norden. Je weiter wir auf Hindsholm hinausfahren, desto stiller wird die Landschaft. Die Straßen werden schmaler. Die Höfe liegen verstreut zwischen Feldern. Hecken ziehen sich durch die Landschaft wie grüne Linien auf einer alten Karte. Nichts drängt sich in den Vordergrund. Die Schönheit dieser Gegend erschließt sich langsam.

 

Dänemark besitzt viele spektakuläre Küsten. Fyns Hoved gehört nicht dazu. Und vielleicht ist genau das seine Stärke. Hier gibt es keine große Inszenierung. Keine Promenade. Keine Attraktion. Die Straße endet einfach. Dahinter beginnen Himmel, Wind und Meer. Wir gehen hinaus auf die Landzunge. Links Wasser. Rechts Wasser. Über uns Möwen und Wolken. Die Sonne zieht es vor, ihre Strahlen durch weisse bauschige Wolken zu schicken. Das Licht, das dabei entsteht, ist schattenlos, wertet nichts, hebt alles sanft hervor. Der Wind trägt den Geruch von Salz und Seegras herüber. Das Meer wirkt heute ruhig, fast nachdenklich. Man steht dort und merkt plötzlich, wie klein die Dinge werden, die einen noch vor wenigen Tagen beschäftigt haben. Obwohl man am nördlichsten Punkt von Fünen steht, am Ende der Insel.

 

Vielleicht verändert Reisen vor allem die Maßstäbe.

 

Während wir auf die Ostsee blicken, denken wir daran, dass unsere Rundreise sich dem Ende nähert. In zwei Tagen werden wir bei den Kreidefelsen in Møn stehen, dem letzten großen Ziel dieser Reise. Doch gerade an diesem unscheinbaren Ende einer Halbinsel wird uns bewusst, was Dänemark für uns ausmacht. 

 

Nicht die einzelnen Sehenswürdigkeiten. Sondern die Haltung.

 

Die Gelassenheit, mit der alte Gutshöfe neue Aufgaben übernehmen. Die Selbstverständlichkeit, mit der Landschaft Raum behalten darf. Die Erkenntnis, dass nicht alles größer, schneller oder spektakulärer werden muss. Lundsgaard und Fyns Hoved liegen nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Der eine Ort erzählt von Menschen, die einen historischen Platz in die Zukunft führen. Der andere erinnert daran, dass manche Dinge gar nicht verändert werden müssen. Zwischen beiden liegt vielleicht das, was wir auf dieser Reise immer wieder gesucht haben: die Kunst, weiterzugehen, ohne das Wesentliche zu verlieren.

Ausflug nach Odense - eine der ältesten Städte Dänemarks

 

Nachdem wir diese kontemplative Wanderung an den nördlichsten Punkt im Hafen von Kerteminde bei einem Kaffee reflektieren und ausklingen lassen, reift der Gedanke, das naheliegende Odense zu besuchen. Odense - eine lebendige Großstadt im Wandel, wo sich Vergangenheit und Gegenwart in den Straßen der Stadt wie selbstverständlich begegnen und wo man Geschichte lebendig spüren kann – von der Wikingerzeit über das Mittelalter bis zur Zeit H.C. Andersens. Den lassen wir aus, auch wenn er das Aushängeschild der Stadt ist und steuern die Brandts Klædefabrik an. Diese ehemalige Fabrik hat eine lange und bedeutende Geschichte: Ursprünglich als kleines Färberei im 18. Jahrhundert gegründet, entwickelte es sich ab 1869 unter der Familie Brandt zu einer der größten Textilfabriken Dänemarks. Die Fabrik schloss 1977 ihre Tore, doch die historischen Gebäude wurden bewahrt und ab 1982 zu einem kulturellen Zentrum umgebaut. Heute beherbergt Brandts Klædefabrik Museen, Galerien, Cafés, Geschäfte und Veranstaltungsorte und ist ein lebendiges Zeugnis der industriellen Vergangenheit Odenses, das nun als kulturelles und kreatives Zentrum genutzt wird.

 

Wir entscheiden uns für den Besuch des Kunstmuseum Brandts, das uns sofort gefangennimmt. Hier wird Kunst (auch Fotografie) auf höchstem Niveau präsentiert. Uns begeistern zwei Ausstellungen: „Rooms We Made Safe“, die erste große Einzelausstellung der aufstrebenden dänischen Künstlerin Michella Bredahl. Sie ist bekannt für ihre äußerst intimen Porträts von Freunden und Bekannten, die sie in ihren eigenen vier Wänden in privaten Momenten festhält. Und dann etwas ganz Besonderes: Das bezaubernde Universum des dänischen Zeichners, Autors und bildenden Künstlers Jakob Martin Strid: „Der fantastische Bus“. Man kann es gar nicht beschreiben, die Fotos sprechen für sich selbst. 

Und zuletzt noch der Kinderbereich: eine wahre Sinnesausstellung,  Kunsterlebnisse auf Kinderniveau, hier wird Kunst zum Abenteuer. Die Ausstellungsform  bricht mit allen Konventionen: Hier darf man nicht nur schauen, sondern auch anfassen, klettern und aktiv mitmachen. Ob durch Skulpturen krabbeln, in ein Gemälde eintauchen, Flügel anziehen oder bunte Figuren mit Lakritz füttern – in dieser Ausstellung ist alles ein bisschen anders. Museumsregeln wie „Still sein“ oder „Nicht anfassen“? Die gelten hier nicht. Im Zeichenzimmer kann man dann eigene kreative Spuren hinterlassen. Die offenen Zeichnungen des Künstlers oder der Künstlerin dürfen ergänzt, verändert – und gerne auch übermalt werden. Eine entspannte, bildschirmfreie Aktivität für jedes Alter. Einzigartig!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0