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6. Etappe | Tag 11: Abschied vom Limfjord und auf ins Binnenland

Der ID.7 ist wieder voll geladen, das Gepäck im großen Kofferraum verstaut, und wir nehmen Abschied von der Fjord-Idylle des Tambohus Kro. Unser Weg führt uns am Morgen südwärts von der Halbinsel Thyholm hinunter zum Nadelöhr des Fjords. Als wir die markante Oddesund-Brücke überqueren, gleitet unser Blick noch einmal hinüber zu den grauen Bunkern des Regelbau 411.

 

Genau hier, am windgepeitschten Strand unterhalb der Klippen, fällt uns eine der skurrilsten Geschichten Dänemarks wieder ein: die von Christian Jørgensen, dem legendären „Schrankmann“ (Æ Skawmand). Im Jahr 1914 strandete er genau hier mit nichts als einer Schubkarre und einem massiven Kleiderschrank, in dem er unglaubliche 42 Jahre lang lebte und schlief – den Schrank bei Sturm aufrecht zum Kochen, bei Nacht flach in den Sand gelegt zum Schlafen. Erst nach 24 Jahren ließ er sich von den Einheimischen mühsam dazu überreden, eine kleine, provisorische Holzhütte um seinen Schrank herumzubauen, die er mit Seetang abdeckte, damit sie optisch mit dem Strand verschmolz. Er bestand jedoch bis zu seinem Tod im Jahr 1956 stur darauf, weiterhin ausschließlich im Schrank zu schlafen. Als er 1956 im Alter von 76 Jahren friedlich verstarb, trugen ihn sechs lokale Männer zu Grabe. Auf seinem Grabstein steht bis heute die dänische Inschrift: „Der er runer, som ingen kan tyde“ (Es gibt Runen, die niemand entziffern kann). Wir lieben solche Geschichten....

Mit dem Bild dieses dänischen Ur-Aussteigers im Kopf, der die Einsamkeit des Fjords wie kein anderer lebte, lassen wir den ungezähmten Norden hinter uns mit Blick auf unser nächstes Ziel: Fünen. Naturgemäß gibt es am Weg dorthin einiges zu sehen, zum Beispiel in Herning. Hier wartet im Stadtteil Birk ein radikaler architektonischer Entwurf auf uns. Birk ist als „Die weiße Stadt“ weltbekannt und ein faszinierendes Experimentallabor, in dem Industrie, Landschaftsarchitektur und zeitgenössische Kunst direkt miteinander verschmelzen.

 

Im Zentrum steht das visionäre HEART (Herning Museum of Contemporary Art), entworfen vom US-Stararchitekten Steven Holl. Das Gebäude aus geschwungenem, weißem Beton ist eine geniale Hommage an die Textilgeschichte der Stadt: Aus der Vogelperspektive erinnert das sanft gewölbte Dach an die Ärmel von frisch zugeschnittenen Herrenhemden. Direkt daneben leuchten die spektakulären, tiefblauen Keramikfassaden des Carl-Henning Pedersen & Else Alfelts Museums.

Wir schlendern weiter durch die angrenzenden Geometrischen Gärten und den kreisrunden Skulpturenpark. Überall bricht das minimalistische skandinavische Design die industrielle Vergangenheit auf. Ein unübersehbares Highlight ist die monumentale Stahlsäule „Elia“ von Ingvar Cronhammar, die wie ein futuristischer Tempel aus der Heidelandschaft ragt. Durch Zufall entdecken wir eines der Strandbiester von Theo Jansen, ein Künstler, der uns immer wieder fasziniert. Birk verdeutlicht hier, wie dänischer Pragmatismus Räume neu denkt: Hier wird Kultur nicht in Elfenbeintürmen versteckt, sondern als offener, begehbarer Alltag gelebt. Ein absolut ästhetischer Roadtrip-Stopp, der im Kopf bleibt! 

 

Unser nächstes Ziel ist das Deep Forest Art Land, im Volksmund auch „Skovsnogen“ (die Waldschlange) genannt. Was uns auf diesen 25 Hektar privatem Waldgebiet erwartet, sprengt den klassischen Galeriebegriff: Es ist eine interessante Symbiose aus zeitgenössischer Kunst, Naturschutz und Abenteuer. Der Eintritt basiert standesgemäß auf der dänischen Währung Vertrauen – per Mobilpay für einen freiwilligen Beitrag von 20 DKK. Das Besondere: Die weit über 80 Kunstwerke sind nicht einfach im Wald ausgestellt, sondern ein echter Teil von ihm. Die Installationen sind darauf ausgelegt, mit der Natur zu arbeiten. Sie setzen Moos an, verändern sich mit den Jahreszeiten und verwittern ganz organisch. Es gibt sogar einen eigenen „Skulpturenfriedhof“, auf dem man dem friedlichen Zerfall der Kunst zusehen kann. Der rund vier Kilometer lange Rundweg gleicht einer modernen Schatzsuche. Zwischen mächtigen Buchen entdecken wir den gefallenen Mond, den monumentalen Schriftzug HATE mitten im Wald stellen, die gotische Ruine, den Riesenkäfer oder die riesige gelbe Natter. Es ist ein spannender und sehr kurzweiliger Spaziergang, der die Fantasie anregt. Ein absolut tiefenentspanntes Waldabenteuer, das den Kopf frei macht und beweist, wie erfrischend unkonventionell die Dänen Kultur erlebbar machen.

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