Heute ist bewusste Entschleunigung angesagt. Das Auto bleibt stehen und darf regenerieren bzw. laden, während wir die Sättel unserer klassischen Fahrräder besteigen. Keine Motoren, keine Steckdose – heute zählen nur die eigenen Waden und der Rhythmus der Natur. So zumindest der Plan. Unsere Ausgangslage: Wir logieren im historischen Tambohus Kro, direkt am schmalen Sund, der die Halbinsel Thyholm von der kleinen Nachbarinsel Jegindø trennt. Das Wasser glitzert heute Morgen direkt vor der Haustür, der Himmel ist blau gefärbt, der dänische Wind bittet zum Tanz. Wir treten in die Pedale.
Schon nach wenigen Metern überqueren wir den kurzen Damm, der die kleine Insel Jegindø mit dem Festland verbindet. Die Straßen sind fast komplett autofrei, wir teilen uns den Weg nur mit ein paar Vögeln und der unendlichen Weite des Limfjords. Nach ein paar Kilometern erreichen wir Jegindø Havn. Wer dänische Postkartenromantik sucht, wird hier fündig. Bunte Holzboote schaukeln im Hafenbecken, Fischernetze hängen zum Trocknen in der Sonne und über allem liegt diese unerschütterliche, skandinavische Gelassenheit. Beschaulichkeit ist ein viel zu aufgeregtes Wort für das, was hier abgeht. Oder auch nicht abgeht.
Es ist ein wunderbarer Ort für eine kurze Rast, um den Blick über den Fjord schweifen zu lassen, bevor wir die Inselrunde vollenden und wieder aufs Festland übersetzen. Doch plötzlich: ein Regenguss aus heiterem Himmel. Es wird immer dunkler, die Temperatur fällt rapide ab. Wir stellen uns unter und warten. In einer Regenpause starten wir schließlich los. Hier draußen gibt es keinen Windschatten. Der Gegenwind greift ungebremst und giftig in unsere Speichen, doch die flache Landschaft macht es uns etwas leichter. Nach einem Zwischenstopp im Hotel mit einer heißen Tasse Tee entschließen wir uns kurzerhand, die Ruhepause des ID.7 doch vorzeitig zu beenden.
Szenenwechsel am Oddesund: Wo Beton zu Klang wird
Wir halten uns südlich und fahren entlang der Küstenlinie von Thyholm hinunter zum Oddesund. Je näher wir der markanten Brücke kommen, desto spürbarer verändert sich die Kulisse. Hier, am strategisch wichtigen Nadelöhr des Fjords, liegt ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte: rund 30 alte Weltkriegsbunker, die heute eine völlig neue Bestimmung gefunden haben. Unter dem Namen Regelbau 411 wurden vier dieser düsteren Betonkolosse in eine internationale Kunsthalle für zeitgenössische Licht-, Video- und Soundkunst verwandelt. Der Kontrast könnte nicht radikaler sein: Wir ducken uns durch die dicken, feuchten Mauern und stehen plötzlich in der Dunkelheit, in der moderne Kunstinstallationen flackern und surreale Klangteppiche das Echo der Vergangenheit brechen. Ein fast mystisches Erlebnis mitten in der dänischen Idylle.
In der aktuellen Ausstellung „There’s Life Inside“ wird der Betrachter von digitalen Wesen beobachtet, die in Strukturen aus gebürstetem Aluminium eingeschlossen sind und einen harten Kontrast zu den verwitterten Betonoberflächen des Bunkers bilden. Wie die Schwalben, die heute ihre Nester in den unteren Etagen des Bunkers bauen, haben auch diese künstlichen Wesen ihren Weg in einen Raum gefunden, der ursprünglich für das Überleben und die Überwachung konzipiert war. Hier verwandelt sich der Bunker von einem historischen Schutzraum in eine Art Beobachtungslabor. Doch wer beobachtet hier eigentlich wen? Die Künstlerin Stine Deja setzt sich mit der technologischen Beschleunigung unserer Zeit auseinander, in der Entwicklungen in den Bereichen künstliche Intelligenz, humanoide Serviceroboter und Reproduktionstechnologien etablierte Vorstellungen von Identität, Körper, Genetik und Vererbung infrage stellen. Die Ausstellung lässt sich teilweise von den berühmten „Bobo-Doll“-Experimenten des Psychologen Albert Bandura aus dem Jahr 1961 inspirieren, in denen untersucht wurde, wie Verhalten durch Nachahmung erlernt wird. Eine spannende Frage der Zukunft: Wer lernt hier eigentlich von wem?
Gleich nebenan steigen wir dann auf den modernen Oddesundtårnet. Der Aussichtsturm belohnt uns mit einem ultimativen Rundumblick. Von oben überblicken wir die gesamte Meeresenge, die Brückenkonstruktion und die schier endlose Weite des westlichen Limfjords. Dieser ist ja berühmt für die köstlichsten Meeresfrüchte überhaupt – Limfjord-Austern gehören zu den besten der Welt. Es ist ein wahrer Ozean von Möglichkeiten, was Schalen- und Krustentiere betrifft; auch viele andere Muschelarten und der edle Limfjordhummer werden hier gefischt. Diese Köstlichkeiten finden sich manchmal nur einige Schritte vom Strand entfernt.
Ganz in diesem Sinne führt uns der Rückweg durch das sanfte, grüne Binnenland von Thyholm, nicht ohne uns noch eine Absurdität vor Augen zu führen: Ein Dromedar (pic of the day) weidet friedlich und einsam am Rande der Straße. Was solls. Unsere Lungen sind vollgepumpt mit salziger Seeluft, und als wir am späten Nachmittag wieder zum Tambohus Kro zurückkehren, schließt sich der Kreis perfekt. Dort gibt es heute Abend nämlich frisch aufgetischt: „Muslinger og pommes frites“ – oder umgangssprachlich schlicht und ergreifend „Moules frites“ ...













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