· 

Wohin geht Dänemark? Ein Blick hinter die Kulissen des Musterlandes

Die erste Woche unserer Recherche- und Dokumentationsreise durch Dänemark liegt hinter uns. Wir haben Kilometer gefressen, Ladeinfrastruktur getestet, Landschaften aufgesaugt – und vor allem viele intensive Gespräche geführt. Am heutigen Montag, an dem bereits die Hälfte unserer Reisezeit um ist, drängt sich eine Frage unweigerlich auf: Warum wirkt hier vieles so viel progressiver, unkomplizierter und schlicht besser? Sei es die Energiewirtschaft, die E-Mobilität oder das soziale Miteinander.

 

Auf unserer Reise sammeln wir drei völlig unterschiedliche, faszinierende Perspektiven, die wie Puzzleteile ein ehrliches Bild dieses Landes zeichnen.

 

Perspektive 1: Die Währung Vertrauen (Skagen)

Bei einem Zwischenstopp im hohen Norden führt uns der Zufall zu einem Gespräch mit einem lokalen Unternehmer in Skagen. Seine Erklärung für den dänischen Erfolg ist so einfach wie tiefgründig: „Unsere Währung ist Vertrauen“, erklärt er uns. „Wir vertrauen einander und wir vertrauen der Regierung, die wir selbst gewählt haben. Ja, wir zahlen sehr hohe Steuern, aber wir vertrauen darauf, dass dieses Geld zu unserem Besten eingesetzt wird.“

Doch er verschweigt auch die Risse im System nicht: „Wir haben auch Probleme, zum Beispiel in der Einwanderungspolitik. Menschen, die zu uns kommen und dieses Vertrauensprinzip nicht verstehen oder nicht mittragen wollen, gefährden dieses sensible Fundament.“ Es wird klar: Die extreme dänische Offenheit im Inneren funktioniert in den Köpfen der Menschen nur durch eine sehr strikte Regulierung nach außen. Ein dänisches Paradoxon.

 

Perspektive 2: Die Steuerpolitik als Tempomacher (Kopenhagen)

Wie dieses Vertrauen in staatliche Lenkung ganz pragmatisch die Mobilität revolutioniert, lesen wir in einem Interview mit dem Chefberater des dänischen Automobilclubs FDM. Wenn man wissen will, wie Dänemark zum absoluten Musterland der E-Mobilität wurde, ist er der richtige Ansprechpartner. Die Zahlen, die er nennt, sind atemberaubend: Vor acht Jahren gab es hier keine 10.000 E-Autos – heute sind es über 600.000. Jedes fünfte Auto im Land fährt elektrisch, es gibt längst mehr Stromer als Diesel-Pkw.

„Der Hebel ist die Steuerpolitik“, erklärt er. Während Verbrenner in Dänemark mit bis zu 150 Prozent Zulassungssteuer belegt werden, sind E-Autos bis zu einem gewissen Kaufpreis weitgehend befreit. Zusammen mit der Erstattung der Stromsteuer beim Heimladen ist elektrisch fahren hier schlicht die wirtschaftlich klügste Entscheidung.

Auch das Ladenetz ist kein „Wilder Westen“ mehr, sondern streng reguliert: Kartenzahlung am Schnelllader ist Standard, der Ad-hoc-Preis liegt im Schnitt bei extrem fairen 47 Cent (während wir in Österreich oder Deutschland oft an den 80 Cent kratzen). Ausserdem, so der Berater: „Rund 70 Prozent der dänischen Haushalte können zu Hause laden und alle verfügen über einen Smart Meter. Letztes Jahr hatten wir über 800 Stunden Strompreise von null oder darunter. Das größte Problem in Deutschland ist, dass ihr diese Smart Meter nicht habt. Sie treiben die E-Mobilität nicht an, aber sie machen sie im Alltag unschlagbar günstig.“

 

Perspektive 3: Die ungelösten Aufgaben der Zukunft (Samsø)

Dass dieser Erfolg aber auch eine Kehrseite hat, erfahren wir beim Besuch der Energie-Akademie auf Samsø im Gespräch mit dem CEO. Ja, Dänemark hat viel richtig gemacht, aber der Blick richtet sich bereits auf die nächste, deutlich härtere Phase der Transformation.

„Wir müssen in die Zukunft blicken. Es warten völlig neue Herausforderungen“, mahnt er an. Das eine Problem: Weil Dänemark durch die Windkraft im grünen Strom schwimmt, fehlt es an紀ziplin beim Energiesparen. Man verbraucht schlicht zu viel, weil es scheinbar im Überfluss da ist. Das weitaus größere Problem ist jedoch die Dekarbonisierung der intensiven Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion – ein Sektor, der im DACH-Raum politisch fast unangreifbar scheint, an den sich Dänemark nun aber mit einer geplanten CO₂-Abgabe ab 2030 herantraut.

 

Ein Land auf dem Prüfstand

All diese Mammutaufgaben – die Integration im Spannungsfeld des Vertrauens, die anstehende Neuregelung der E-Auto-Besteuerung und die radikale Transformation der Landwirtschaft – liegen nun auf dem Schreibtisch der neu gewählten Minderheitsregierung unter Mette Frederiksen. Eine Vier-Parteien-Koalition, die quer über die klassischen Lagergrenzen hinweg agieren muss. Keine leichte Aufgabe.

 

Wird das gelingen? Dänemark steht an einer Weggabelung. Die erste Phase der Energiewende war von Technologie und Steueranreizen geprägt; die nächste Phase geht an die Substanz der dänischen Lebensweise. Doch wenn es ein Land schaffen kann, diesen Spagat mit pragmatischem Optimismus zu meistern, dann wohl jene Nation, deren wertvollste Währung das gegenseitige Vertrauen ist. Wir fahren mit einer Menge Stoff zum Nachdenken weiter Richtung Norden.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0