Fahrräder mieten, das war unsere erste Tat heute. Vor allem, um das Live-Erlebnis des morgendlichen Berufsverkehrs mitzunehmen. Zu Recht gilt Kopenhagen unter vielen (Rad-) Verkehrsplaner:innen und Radfahrer:innen als eine Stadt mit Vorreiterrolle und „Fahrrad-Paradies“. Immer wieder liest man von der Neueröffnung neuer Radwege, Brücken für Radfahrer und ähnlicher, für österreichische Radfahrer:innen nahezu paradiesisch klingender, Infrastruktur. Aber wie fühlt sich Kopenhagen für einen Radfahrer, eine Radfahrerin an? Das wollten wir wissen.
Unser erster Weg führte uns zur Cykelslangen, der Brücke einer „Bike-Autobahn“ ausschließlich für den Radverkehr im Stadtteil Vesterbro. Sie schafft eine Verbindung zwischen dem S-Bahnhof Dybbølsbro und der Radfahrer- und Fußgängerbrücke Bryggebroen. Und wie sie das tut! Einmal eingecheckt, schwimmt man förmlich mit den Bewohner:innen. Wenn man schnell genug ist. Denn die Geschwindigkeit ist hoch. Das bekommen auch die Autofahrer:innen zu spüren, obwohl: Es gibt gefühlt kein Auto gegen Rad oder umgekehrt, es ist ein friedliches Miteinander. Und das liegt auch daran, dass die Autodichte merklich geringer ist als in anderen Städten. Und daran, dass sich im Straßenverkehr alle diszipliniert verhalten.
Architektonisch ist das Viertel Havneholmen, in dem die Fahrradschlange liegt, geprägt von einer spannenden Mischung aus urbanem Industrie-Charme und hochmoderner, preisgekrönter Waterfront-Architektur. Die Cykelslangen selbst, entworfen vom renommierten Büro Dissing+Weitling, ist ein Meisterwerk der Infrastruktur. Sie schlängelt sich als 230 Meter langes, leuchtend orangefarbenes Band elegant zwischen den Gebäuden und über das Hafenbecken, in dem auch das Hafenbad Fisketorvet liegt. Das Bad hat drei getrennte Becken: ein Kinderbecken, ein Sprungbecken und ein Schwimmbecken. Alles für alle offen und bei freiem Eintritt.
Weiter gehts in die Freetown Christiania, Kopenhagens berühmtes Hippie-Viertel. Der alternative Stadtteil in Christianshavn ist bekannt für seine Autonomie, die auf einen Haus- und Kasernen-Besetzung im Jahr 1971 zurückgeht. Die wahrscheinlich höchste Pro-Kopf-Quote der Einwohner:innen an Sprühlack-Verbrauch, es besteht eigentlich alles ausschließlich aus Graffitis. Aber es ist auch inzwischen ein wenig Disneyland-Charakter und Toristenfalle geworden, wie auch Nyhavn (unser nächstes Ziel, das wir ansteuern), ein historischer Hafenkanal aus dem 17. Jahrhundert mit seinen malerischen, bunt gestrichenen Giebelhäusern und den dort vertäuten historischen Holzschiffen. Wir streifen die Amalienburg und besuchen die „Kleine Meerjungfrau“, die uns nicht zur Kenntnis nimmt, weil sie mit zu vielen Selfie-Fotograf:innen beschäftigt ist. Im Multikulti-Viertel Nørrebro versuchen wir erneut verzweifelt, dänische Kost zu uns zu nehmen, aber vielleicht gehört Kebab und Pizza auch hier ja schon zu den Nationalspeisen. Davon gibt es genug, trotzdem gelingt es uns, ein Lokal, direkt am Wasser, untouristisch, mit Smørrebrød und lokal gebrautem Brown Ale und IPA zu finden. Ein Sieg.
Am Abend entschließen wir uns - nachdem ein Däne uns eindrücklich versichert hat, dass das Tivoli kein gewöhnlicher Vergnügungspark ist - doch dahin zu gehen. Was soll man sagen. Ja, es ist ein Vergnügungspark. Und ja, es ist ein Füllhorn an Erlebnissen, von tollen Fahrgeschäften und Attraktionen bis hin zu Abendessen (30 Restaurants) und Konzerten - eine dänische Pop-Größe durften wir selbst erleben. Aber vor allem, auch wenn das konservativ klingt: es ist ein Muss für jeden und jede, der/die Kopenhagen besucht. Damit ist man in guter Gesellschaft, denn der Märchenautor Hans Christian Andersen war hier viele Male, genauso wie Walt Disney. Vielleicht eine Zusammenfassung aus unserer Sicht: Irgendwie berührend.
Aber nun ein paar persönliche Worte des Tages-Bikers Leo:
Ich gleite durch die Stadt, und es fühlt sich an, als wäre ich auf einer unsichtbaren, lebendigen Schiene. Nicht ich muss aufpassen, sondern die Stadt hat sich auf mich eingestellt. Meine Spur ist breit, klar und rot, ein eigener, respektierter Verkehrsraum. An der Ampel sammle ich mich mit Dutzenden anderen – Geschäftsmännern und -frauen, Student:innen, Angestellten, Verkäufer:innen, Eltern mit Lastenrad – wir sind ein kurzer, kollektiver Puls, bevor es grün wird und der Strom wieder fließt. Es ist ein Gefühl der mühelosen Integration. Die Autos warten, die Fußgänger kennen unseren Weg. Ich schaue nicht ständig über meine Schulter, ich atme. Die Infrastruktur denkt für mich mit: leichte Schrägen an Bordsteinen, grüne Wellen, Strassen, Brücken, die nur uns gehören. Es ist nicht nur Fortbewegung, es ist ein Zustand. Man wird nicht geduldet, man gehört zum urbanen Organismus. Kopenhagen fühlt sich an wie ein sicherer Hafen auf zwei Rädern, eine Stadt, die das Fahrrad nicht nur benutzt, sondern atmet. Ich bin kein Eindringling, ich bin Teil des Rhythmus.
Und noch ein wichtiges Detail: Was ich anfangs nur unterbewusst wahrgenommen habe, mir im Laufe des Besuchs aber immer mehr auffällt, ist der gelebte Minimalismus im Verkehrsraum. Wer in Österreich am Straßenverkehr teilnimmt, wird mit Schildern und Hinweisen regelrecht erschlagen. Das sieht in Kopenhagen ganz anders aus: es gibt nahezu keine Wegweiser, Verbots-/Gebotsschilder oder sonstige Schilderwälder mit den aus Österreich bekannten unzähligen Zusatzschildern für entsprechend viele Ausnahmen. Das muss man als Ausländer in Dänemark erst lernen: Wie geht das mit dem Linksabbiegen? Kann ich auch hybrid (Formulierung Verena) unterwegs sein - Fahren am Fahrradweg, Schieben am Zebrastreifen? Hier ergibt sich ein erster Pluspunkt für die Dänen: der deutlich reduzierte Schilderwald sorgt eigentlich für mehr Übersichtlichkeit und erlaubt die Konzentration auf das Wesentliche – die Umgebung und die anderen Verkehrsteilnehmer.
Zur Fahrrad-Politik Kopenhagens noch ein paar Fakten:
Mehr als 60% der Kopenhagener pendeln ganzjährig mit dem Rad zur Arbeit oder in die Schule. Das heißt, dass es in der Innenstadt mehr Rad- als Autoverkehr gibt. In Kopenhagen gibt es über 400 km Radwege, davon viele als eigene „Cykelsuperstier“ (Rad-Schnellstraßen) vom Umland in die City. Besonders bekannt ist - wie vorhin erwähnt - die „Cykelslangen“ (Fahrradschlange), die elegante, orangefarbene Hochbahn-Radbrücke. Auf Hauptstrecken können Radler bei ca. 20 km/h meist ohne Stopp durchfahren - grüne Welle garantiert. Auch die Sicherheit wird hochgehalten: durch getrennte Radwege und „fahrradfreundliche“ Ampelschaltungen. Die Stadt verfolgt ambitionierte Ziele. Bis 2025 will man CO₂-neutral zu sein – der Radverkehr ist ein Schlüsselelement. Die Abstellplätze (z.B. am Hauptbahnhof mit Platz für über 2.000 Räder) werden ständig erweitert. Kopenhagen macht vor, dass konsequente Planung, Investitionen und eine pro-radfreundliche Politik den Radverkehr zu einer echten, sauberen und effizienten Alternative machen können – ein inspirierendes Vorbild für viele Städte weltweit. Es gibt auch ein Bicycle Innovation Lab: ein Testfeld für neue Radkonzepte. Ein Fun Fact zuletzt: In Kopenhagen gibt es mehr Fahrräder (ca. 675.000) als Einwohner (ca. 650.000)!
Und ganz am Schluss: Das Pic of the day. Hier versucht sich gerade die Treibstofflobby mit zukünftigen Geschäftsmodellen...













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Hattinger Klaus (Dienstag, 02 Juni 2026 23:00)
Liebe Verena, lieber Leo,
was für ein toller Bericht! Leos Worte „Man wird nicht geduldet, man gehört zum urbanen Organismus” treffen es perfekt – und machen gleichzeitig deutlich, wie viel bei uns noch zu tun ist.