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Was wir wirklich verlieren, wenn die Tankstellen sterben

Ein sehr spezieller Beitrag, aber ein relevanter für die Mobilität genauso wie für die Kultur. Warum? Weil die Tankstelle immer ein atmosphärischer Ort war, der viele Menschen inspiriert hat. Es ist kein Zufall, dass Kultfilme wie 'Out of Rosenheim' oder 'Die Drei von der Tankstelle' genau hier spielen. In der Popkultur war die Tankstelle nie nur eine Infrastruktur. Sie ist die leuchtende Insel im dunklen Nirgendwo, die belagerte Festung in Thrillern, das Ende der Zivilisation in Roadmovies – und immer der Ort, an dem die unterschiedlichsten Schicksale für die Dauer einer Tankfüllung aufeinandertreffen. Wenn diese Orte verschwinden, geht nicht nur eine Infrastruktur verloren – sondern auch ein Stück wilder, unkontrollierter Alltagskultur. Genau davon handelt diese Ausgabe, die es auch als Podcast zu hören gibt, mit der dazu passenden Musik, versteht sich. >>> zum Podcast

Es ist spät geworden an diesem Abend irgendwo an einer österreichischen Landstraße. Das grelle, fast klinische Neonlicht einer Tankstelle schneidet durch die Dunkelheit und taucht die Zapfsäulen in ein künstliches Weiß, das einen seltsamen Kontrast zur nächtlichen Stille der Umgebung bildet. Wer hier nur kurz anhält, um den Tankdeckel aufzuschrauben, übersieht oft das Wesentliche: Im Inneren, zwischen den klebrigen Regalen für Energydrinks, überteuerten Chips-Packungen und den bunten Reihen von Auto-Pflegemitteln, pulsiert ein Leben, das so in keinem Stadtplaner-Handbuch vorgesehen war. Hier treffen sie aufeinander – die Lkw-Fahrer mit ihren müden Augen, die Schichtarbeiter auf dem Heimweg, die Dorf-Originale, für die das Wirtshaus längst zu teuer oder zu weit weg ist, und die gestrandeten Partygäste, die noch nicht bereit sind, den Abend enden zu lassen. Die Tankstelle ist seit Jahrzehnten weit mehr als eine reine Infrastruktur zur Energieversorgung; sie ist ein sozialer Mikrokosmos, ein letzter Rückzugsort des Analogen und ein Schmelztiegel der Gesellschaft. Doch während wir bei Lovelectric leidenschaftlich über Ladekurven, Festkörperbatterien und Reichweiten diskutieren, schwingt eine leise, fast nostalgische Frage mit: Was passiert eigentlich mit unserer Kultur, wenn die klassische Zapfsäule endgültig verschwindet?

 

In vielen ländlichen Regionen Österreichs und Deutschlands sind Tankstellen längst zu den letzten sozialen Knotenpunkten geworden. Wo die Dorfkneipen eine nach der anderen schließen und die Gasthäuser zu Luxus-Resorts oder Ruinen werden, bleibt oft nur noch die Theke beim Tankstellen-Pächter als letzter öffentlicher Raum, an dem man sich ohne Reservierung und Dresscode treffen kann. Es ist ein Ort der absoluten Spontanität. Der Pächter kennt hier jeden beim Vornamen, er weiß, wer seinen Kaffee schwarz trinkt und wer bereits am Vormittag ein kleines Bier braucht, um die Welt zu ertragen. Besonders nachts wird die Tankstelle zum Refugium. Hier herrscht eine Art Nachtgemeinschaft, ein stillschweigendes Abkommen zwischen Taxifahrern und Streifenpolizisten, dass man hier einfach nur sein darf. Es ist einer der letzten Orte, an dem die soziale Durchmischung noch echt ist: Der IT-Nerd im Elektro-Leasingwagen trifft auf den pensionierten Schlosser, die junge Mutter auf den Punk. Wenn dieser Ort wegbricht, verlieren wir nicht nur einen Shop, sondern einen wichtigen sozialen Kitt, der unsere Gesellschaft in den Nischen zusammenhält.

 

Dass diese Orte eine ganz eigene Magie besitzen, zeigt ein Blick in die Annalen der skurrilsten Tankstellen-Geschichten, wie etwa jene vom „Benzin-Sepp“ aus einem kleinen Tiroler Dorf in den 1970er-Jahren. Sepp war weit mehr als ein Tankwart; er war ein inoffizieller Psychologe, dessen Hinterzimmer legendär war. Die Geschichte besagt, dass eine junge Braut unmittelbar vor ihrer Trauung kalte Füße bekam und kurzerhand mit ihrem Trauzeugen in Sepps Hinterzimmer flüchtete. Während draußen der Bräutigam und die halbe Hochzeitsgesellschaft wütend und ratlos vor den Zapfsäulen auf und ab gingen, bewahrte Sepp die Ruhe. Statt die Polizei zu rufen oder die Flüchtigen auszuliefern, servierte er allen Beteiligten im Wechsel Schnäpse und Kaffee, moderierte die Wutausbrüche weg und fungierte als Puffer, bis sich die Gemüter in der Benzinluft beruhigten. Die Legende besagt, dass die Hochzeit zwar platzte, aber der ursprüngliche Bräutigam Jahre später Sepps Nichte heiratete – alles unter dem Segen der Zapfsäulen. Solche Orte waren Bühnen für das echte, ungeschönte Leben, Rückzugsräume, in denen Weltpolitik am Kaffeeautomaten entschieden wurde und persönliche Krisen im Schein der Leuchtreklame eine Pause einlegten.

 

Doch wir müssen ehrlich sein: Die Ära des Verbrenners neigt sich dem Ende zu, und mit ihr stirbt das alte Modell der Tankstelle. Wenn wir unsere E-Autos künftig zu 80 Prozent zu Hause oder am Arbeitsplatz laden, fällt die Notwendigkeit des wöchentlichen „Tank-Stopps“ weg. Aber was tritt an die Stelle des sozialen Vakuums? Wir riskieren eine schleichende Vereinsamung in den Regionen, wenn der letzte Ort verschwindet, an dem man ohne Konsumzwang einfach mal „dazugehören“ darf. In der Wissenschaft nennt man solche Orte „Third Places“ – Räume neben dem Zuhause und der Arbeit, die für die psychische Gesundheit einer Gemeinschaft essenziell sind. Ein moderner Ladepark mit High-Power-Chargern ist technisch beeindruckend, aber er versprüht oft die emotionale Wärme eines OP-Saals. Niemand würde heute auf die Idee kommen, im Hinterzimmer eines sterilen Schnellladeparks ein Würfelspiel bis zum Morgengrauen zu veranstalten.

 

Wie tief die Verbundenheit zu diesen Orten gehen kann, zeigt das skurrile Beispiel von Franz, dem „Tankstellen-Papst“ aus Linz. In den 1980er-Jahren richtete er in seinem Hinterzimmer eine kleine Kapelle mit Marienstatue und Kerzen ein. Franz weihte jeden Sonntagmorgen seine Zapfsäulen und gab den Fahrern einen „Segen für eine sichere Fahrt“ mit auf den Weg. Was heute wie eine Szene aus einem Fellini-Film wirkt, war für die damaligen Kunden bittere Realität und Ausdruck einer tiefen Identifikation mit dem Ort. Als Franz starb, bildeten Dutzende Lkw-Fahrer einen Korso und legten statt Blumen Zündkerzen auf seinen Sarg. Es war der Abschied von einem Mann, der verstanden hatte, dass Mobilität immer auch etwas mit Seele zu tun hat. Diese Orte waren Ankerpunkte in einer mobilen Welt, die nun langsam im digitalen Rauschen und in der Effizienz der Elektromobilität zu verblassen drohen.

 

Sogar für die Liebe boten diese zwischen Ölgeruch und Kunststoffregalen gefangenen Orte eine Kulisse. Im Jahr 2015 sorgte ein Paar in der Steiermark für Schlagzeilen, das sich dazu entschied, nicht in einer Kirche oder einem Schloss zu heiraten, sondern direkt an ihrer Stammtankstelle. Sie hatten sich dort beim gemeinsamen Frühstück um fünf Uhr morgens kennengelernt – sie auf dem Weg zur Nachtschicht, er als Lkw-Fahrer auf der Durchreise. Für sie war die Tankstelle der romantischste Ort der Welt, ein Ort der ersten Begegnung, der Hoffnung und des Austauschs. Die Trauung fand tatsächlich zwischen den Zapfsäulen statt, der Pächter war der Trauzeuge, und als Hochzeitsgeschenke gab es Tankgutscheine. Es war ein Fest der Authentizität in einer Welt, die immer mehr nach Perfektion strebt.

 

Wenn wir nun in die Zukunft blicken, stellt sich uns eine große Aufgabe. Die Elektromobilität ist der richtige Weg, technologisch alternativlos und ökologisch geboten. Doch wir dürfen die „Seele der Tankstelle“ nicht einfach wegrationalisieren. Es gibt bereits spannende Ansätze: In Skandinavien entstehen Lade-Cafés, die Co-Working-Spaces und Bibliotheken integrieren. Doch wir müssen aufpassen, dass daraus nicht nur „Hipster-Hotspots“ werden, die die alten Stammgäste ausschließen. Wir brauchen Konzepte für „soziale Ladestationen“, die das Erbe der alten Tankstellen antreten. Orte, an denen man nicht nur den Akku füllt, sondern auch das Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Vielleicht brauchen wir in den Ladeparks der Zukunft wieder ein „Hinterzimmer“, einen Ort, an dem die Regeln der Optimierung kurz Pause machen dürfen. Denn am Ende des Tages werden wir die Zapfsäulen vielleicht gar nicht so sehr vermissen – aber wir werden das Gefühl vermissen, um vier Uhr morgens mit wildfremden Menschen über Gott und die Welt zu diskutieren, während draußen leise das Surren der Energie die Nacht erfüllt. Der Wandel ist technisch, aber die Rettung unserer sozialen Räume ist eine menschliche Aufgabe, der wir uns stellen müssen, damit die neue Mobilität nicht nur sauberer, sondern auch genauso lebendig bleibt wie die alte.

 

Warum wir diese Geschichten brauchen? Weil die Tankstelle immer ein atmosphärischer Ort war, der viele Menschen inspiriert hat. Es ist kein Zufall, dass Kultfilme wie 'Out of Rosenheim' oder 'Die Drei von der Tankstelle' genau hier spielen. In der Popkultur war die Tankstelle nie nur eine Infrastruktur. Sie ist die leuchtende Insel im dunklen Nirgendwo, die belagerte Festung in Thrillern, das Ende der Zivilisation in Roadmovies – und immer der Ort, an dem die unterschiedlichsten Schicksale für die Dauer einer Tankfüllung aufeinandertreffen. Wenn diese Orte verschwinden, geht nicht nur eine Infrastruktur verloren – sondern auch ein Stück wilder, unkontrollierter Alltagskultur.

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