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Diesel-Mythos in der Landwirtschaft – Elektro ist längst praxisreif

Während in Österreich weiter über Diesel-Subventionen diskutiert wird ("in der Landwirtschaft geht es nicht anders"), zeigen innovative Hersteller längst das Gegenteil. Zeit für einen radikalen Perspektivwechsel.

Bild: Tadus Gmbh
Bild: Tadus Gmbh

 

Die trügerische Gemütlichkeit der Dieseltanks

Kaum ein Sektor hält so sehr an alten Verbrennern fest wie die Landwirtschaft. Wenn in politischen Runden über steigende CO₂-Preise gesprochen wird, heißt es schnell: „Dann müssen wir den Agrardiesel eben weiter subventionieren – weil die Landwirtschaft sonst nicht überlebensfähig ist.“ Dieses Narrativ ist bequem, aber gefährlich falsch. Es blendet aus, dass die Elektrifizierung der Landwirtschaft längst keine Zukunftsmusik mehr ist, sondern eine praxisreife, wirtschaftliche Alternative. Wer jetzt auf Diesel setzt, verbrennt nicht nur Treibstoff, sondern auch Wettbewerbsfähigkeit, Unabhängigkeit und vor allem wertvolle Zeit im Kampf gegen die Klimakrise.

 

Dringlichkeit: Warum wir keine Zeit mehr haben

Die Fakten sind glasklar: Ein einziger großer Traktor verbraucht pro Stunde so viel Diesel wie ein Kleinwagen in einem Monat. Die Landwirtschaft ist in Österreich und Deutschland für etwa 8-10 % der nationalen Treibhausgasemissionen verantwortlich – ein Großteil davon durch den Antrieb. Jedes weitere Jahr mit Subventionen für fossile Technologie ist ein Jahr der verpassten Chance. Denn die Kosten für Diesel steigen, die Preise für Strom aus eigener Photovoltaik sinken. Ein elektrischer Traktor, geladen mit Solarstrom vom eigenen Hofdach, fährt nicht nur emissionsfrei, sondern auf Dauer auch um ein Vielfaches günstiger. Die Dringlichkeit ist nicht technischer, sondern politisch-kultureller Natur: Es fehlt der Mut, das Tabu zu brechen.

 

Praxis pur: Wertschöpfung aus Deutschland und Österreich

Genau das tun bereits einige Vorreiter – und das mit voller Wertschöpfung in Europa. Hier drei beispielgebende Formen:

 

1. Tadus T16.20 (Deutschland)


Das bayerische Start-up Tadus hat das radikalste Konzept: Ihr Traktor T16.20 ist von Grund auf elektrisch konzipiert – kein umgerüsteter Diesel. 200 kWh Batterie, wechselbar in unter fünf Minuten, dazu bidirektionales Laden. Das heißt: Der Traktor wird zur mobilen Stromspeicherung für den Hof. Ein echtes Systemdenken, das die Abhängigkeit von fossilen Importen beendet.

 

2. Fendt e100 Vario (Deutschland)


Der Marktoberdorfer Hersteller Fendt bringt mit dem e100 Vario den ersten serienreifen Elektro-Kompakttraktor auf den Markt. 100 kWh Batterie, 75 PS, Einsatzdauer 4-7 Stunden. Perfekt für Hofarbeiten, Kommunen, Wein- und Gemüsebau. Gebaut in Bayern – deutsche Ingenieurskunst, die den Diesel überflüssig macht.

 

3. Rigitrac SKE 40 Electric (Schweiz, eng mit DACH verbunden)


Der Schweizer Spezialist Rigitrac bietet den weltweit ersten serienmäßigen 40-kW-Elektrotraktor an. Ideal für Steillagen, Obstbau und für österreichische Bergbetriebe, die bislang als „nicht elektrifizierbar“ galten. Leise, wartungsarm, mit bis zu acht Stunden Laufzeit.

 

Alle drei Beispiele haben eines gemeinsam: Sie wurden in Europa entwickelt, produziert und geschaffen – und sichern Arbeitsplätze hier. Jeder Euro, der in solche Maschinen fließt, bleibt im Binnenmarkt und fördert die technologische Souveränität. Die oft gehörte Ausrede „Das gibt es noch nicht“ ist schlicht falsch.

 

Ein kurzer Blick über den Tellerrand

Natürlich sind die europäischen Pioniere nicht allein. Weltweit entstehen spannende Konzepte, die zeigen, wohin die Reise geht:

Autonome Agrarroboter (z. B. Fendt Xaver, Nature Robots): Leichte, solarbetankte Helfer für die Unkrautbekämpfung – ohne schweren Traktor.

Chinesische Hersteller wie 知申禾行 (ZSHX): Mit dem 90-PS-Fernsteuer-Traktor oder CAS mit einem Methanol-Wasserstoff-Hybrid – radikale Ansätze, die zeigen, dass die Welt nicht auf Diesel wartet.

Modulare Batteriesysteme (z. B. Zetrack aus Spanien): Wechselakkus, die auch als Hofstromspeicher dienen.

Diese Konzepte müssen wir nicht alle kopieren, aber sie sollten uns wachrütteln: Während wir über Subventionen streiten, entwickeln andere die Landwirtschaft von morgen.

 

Exkurs: Henri Owen Tudor – der vergessene Pionier der Elektro-Landwirtschaft

An dieser Stelle ein kleiner historischer Blick zurück, der zeigt, wie alt die Idee eigentlich ist: Henri Owen Tudor (1859–1928) war ein luxemburgischer Erfinder, der bereits 1884 einen „energy-car“ vorstellte – eine mobile, batteriebetriebene Kraftstation. Dieses Gefährt lieferte Strom für Dreschmaschinen, Sägen oder Hofbeleuchtung. Tudor baute damit die erste praktische Anwendung des Bleiakkus in der Landwirtschaft. Seine Erfindung war so erfolgreich, dass er eine ganze Industrie begründete. Doch der Siegeszug des billigen Diesels ließ diese elektrische Vision für fast hundert Jahre verschwinden. Heute holen wir sie wieder hervor – nicht als Nostalgie, sondern als hochmoderne Lösung für eine klimaneutrale Landwirtschaft.

 

Fazit: Subventionen umleiten, Zukunft gestalten

Die Diskussion über Agrardiesel-Subventionen ist eine Scheindebatte. Richtig wäre: Diesel-Gelder schrittweise in den Aufbau von Ladeinfrastruktur auf den Höfen, in Förderungen für Elektrotraktoren und in Forschung für autonome Systeme umzuleiten. Österreich und Deutschland haben mit Firmen wie Fendt, Tadus und Rigitrac bereits starke Partner vor Ort. Jetzt braucht es den politischen Willen, das Tabu zu brechen. Die Landwirtschaft kann elektrisch – und sie wird es. Die Frage ist nur, ob wir dabei vorne mitspielen oder hinten ankommen.

 

Dieser Lovelectric-Blogbeitrag entstand im Rahmen einer Analyse zur Elektrifizierung der Landwirtschaft – mit dem festen Willen, Mythen aufzudecken und echte Lösungen sichtbar zu machen.

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Kommentare: 2
  • #1

    René (Mittwoch, 13 Mai 2026 14:45)

    Bei Traktoren würde ich "Elektro ist längst praxisreif" noch nicht unterschreiben - und das obwohl ich davon ausgehe, in den nächsten 2-3 Jahren einen ersten Elektrotraktor anzuschaffen.
    Bei Pflegeschleppern im kleinen bis mittleren Leistungsbereich und für wenig intensive Arbeiten (Ladearbeiten, Grünlandwirtschaft außer evtl mähen und pressen, Pflanzenschutz, Düngung, Transportarbeiten, etc) lassen sich derzeit schon technisch problemlos elektrifizieren, da passt die Akkukapazität. Was noch nicht passt, ist der Preis. Ohne Förderung ist das derzeit noch eher teurer als Diesel, trotz niedrigerer Betriebskosten. Wenn zB ein Fendt e100 mehr als das doppelte kostet als die Dieselmaschine und nur leichte Arbeiten (die eben nicht so viel Diesel verbrauchen) erledigen kann, ist das kein wirtschaftliches Modell. Und schwere Arbeiten wie Bodenbearbeitung, Aussaat, Mähen, Pressen, etc sind derzeit eher nicht darstellbar, da dann bei allen verfügbaren Traktoren der Akku nach 1,5-2h leer ist und der Arbeitstag zu diesen Zeiten oft 12h+ hat. Ob das elektrisch überhaupt möglich oder einer der ganz wenigen zukünftigen Anwendungsfälle für E Fuels ist, werden wir sehen.

    Wo es in der Landwirtschaft allerdings völlig anders aussieht, auch heute schon, ist in der Innenwirtschaft. Bei mir läuft seit etwa 1,5 Monaten ein E Radlader und ich würde niemals wieder zum Diesel zurück. Keinen Lärm und keine Abgase im Stall, niedrigere Betriebskosten pro Stunde, obwohl die Anschaffungskosten deutlich höher sind. Radlader, Hoflader, Telelader etc machen meistens die meisten Betriebsstunden von allen Maschinen auf dem Hof, daher verteilen sich hier die hohen Investitionskosten sehr gut und die Maschine ist wirtschaftlich dem Diesel auch heute schon überlegen.
    Mit E Hofladern, Radladern und Teleladern wird die Elektrifizierung beginnen, die sind heute schon voll praxisreif. Hier gilt es nur Vorurteile zu überwinden und Landwirte zu überzeugen. Wer einmal E gefahren ist, will sicher nix anderes mehr.
    E Traktoren brauchen aber noch etwas, bis sie wirklich Diesel Traktoren in der Landwirtschaft ersetzen können. Und dann wird es bei Pflege- und Grünlandschleppern beginnen. Derzeit laufen E Traktoren nahezu ausschließlich im kommunalen Bereich.

  • #2

    René (Mittwoch, 13 Mai 2026 22:58)

    Nur so zum Vergleich, selbst wenn man die Investition über 15 Jahre rechnet und niedrigere Wartungskosten mit reinnimmt, muss zB der e100 Vario mindestens 1300 Betriebsstunden im Jahr machen, um gegenüber dem Diesel-Pendant wirtschaftlich gleichauf zu liegen. Die meisten Schlepper laufen eher 500-900h/a, da ist dann Elektro derzeit absolut nicht wirtschaftlich und deswegen laufen auch noch keine E Schlepper auf den Höfen.