„Stellen Sie sich vor: Die Scheinwerfer strahlen mit modernster LED-Technik. Das Bier wird im Mehrwegbecher ausgeschenkt, und das Catering ist komplett regional und bio, der Strom kommt aus 100 % erneuerbarer Energie. Ein perfektes grünes Event, oder? Aber während wir im Kultur- und Festivalbereich die ökologische Wende feiern, spielt sich das wahre Klimadrama ganz woanders ab – dort, wo wir es oft gar nicht vermuten. Denn die größte Belastung für unser Klima entsteht nicht auf der Bühne, sondern auf dem Weg dahin. Wussten Sie, dass bis zu 70 Prozent der CO2-Emissionen einer Veranstaltung allein durch die Anreise der Besucher verursacht werden? Heute werfen wir einen genaueren Blick darauf, warum die Mobilität die eigentliche Hauptbühne der Nachhaltigkeit ist – und das bei kleinen Kulturzentren genauso wie bei großen Festivals."
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Nehmen wir als Beispiel einen typischen Abend im Emailwerk in Seekirchen, weil wir da auf belastbare Zahlen zurückgreifen können: Das Haus ist eine zertifizierte „Green Location“, ausgezeichnet mit dem Österreichischen Umweltzeichen. Drinnen ist alles optimiert: LED-Technik, Ökostrom, Fernwärme, an der Bar gibt es Bio-Getränke aus der Region, und das Abfallkonzept ist vorbildlich. Das Team der Kunstbox lebt Nachhaltigkeit in der DNA. Doch während drinnen die Kunst gefeiert wird, steht das eigentliche Klimaproblem draußen, mit der Gefahr, dass das Green Event schon am Parkplatz scheitert. Denn die größte Stellschraube für die Ökobilanz eines Kulturhauses befindet sich nicht im Saal, sondern auf dem Asphalt.
Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. In der Theorie schwanken die Zahlen, aber in der Praxis mittelgroßer Kulturzentren, in denen 100-300 Besucher:innen Platz finden, zeigt sich ein klares Bild: Die An- und Abreise des Publikums macht oft bis zu 70 % der gesamten CO₂-Emissionen einer Veranstaltung aus.
Das Fallbeispiel Emailwerk:
• Frequenz: Rund 120 Abendveranstaltungen pro Jahr.
• Einzugsgebiet: Der Umkreis liegt meist zwischen 10 und 40 Kilometern (Salzburger Seenland, Flachgau, angrenzendes Oberösterreich).
• Realität: Etwa 70 % der Gäste reisen mit dem eigenen Auto an – oft sitzen nur ein oder zwei Personen im Fahrzeug.
Das bedeutet: Selbst wenn wir den Betrieb im Haus komplett klimaneutral gestalten, bleibt die Anreise der „Elefant im Raum“. Mobilität ist im ländlichen und kleinstädtischen Raum nicht bloß ein Nebenschauplatz, sie ist die Hauptbühne der Klimabelastung.
Das Problem ist nicht nur, dass wir reisen, sondern wie. In Österreich sitzen im Schnitt nur 1,5 bis 1,7 Personen in einem Auto, das zum Event fährt. Wenn 200 Menschen zu einem Konzert kommen und 70 % davon mit 1,5 Personen besetzt mit dem eigenen PKW anreisen, bedeutet das fast 100 Fahrzeuge, die CO₂ in die Luft blasen, noch bevor der Einlass beginnt.
Studien und Praxisanalysen aus den Jahren 2024 bis 2026 zeigen ein eindeutiges Bild und erbringen den Beweis: Der größte Teil der Treibhausgasemissionen – oft zwischen 41 % und 70 % – entsteht durch die An- und Abreise des Publikums. Hier ein paar Beispiele:
• A Greener Future (AGF): In ihrem aktuellen Report wird der Durchschnitt für europäische Festivals bei etwa 41 % beziffert. Rechnet man Artist-Travel und Logistik hinzu, landet man oft weit über der Hälfte.
• Green Events Hamburg: Hier geht man bei urbanen Formaten sogar von bis zu 70 % aus, die allein auf das Konto der Mobilität gehen.
• Ticket to Ride Initiative: Eine Untersuchung der AnnenMayKantereit-Tour zeigte kürzlich sogar Spitzenwerte von 88 % Mobilitätsanteil an der Gesamtemission.
Warum diese grosse Spanne zwischen 41 % und 70 %? Es hängt von der Lage ab: Ein Festival auf der grünen Wiese ohne Bahnanschluss produziert pro Kopf deutlich mehr CO₂ als ein Theaterabend im Stadtzentrum. Doch das Muster bleibt: Mobilität ist fast immer der "Elefant im Raum".
Das ist unser strukturelles Dilemma: Wir werden inhaltlich zerrieben zwischen Anspruch und Anbindung. Doch warum ist das so? Es ist kein böser Wille der Besucher:innen. Es ist ein Strukturproblem. In Regionen wie dem Seenland ist die Anbindung am späten Abend oft lückenhaft. Wer aus einer 20 km entfernten Gemeinde kommt, für den ist der PKW oft die einzige praktikable Option, um nach der Vorstellung sicher nach Hause zu kommen.
Hier entsteht ein Widerspruch: Kulturhäuser verstehen sich oft als gesellschaftlich progressiv und zukunftsorientiert. Doch wenn die Klimabilanz primär von individuellen Autofahrten bestimmt wird, gerät dieses Selbstbild unter Druck. Das ist kein moralischer Vorwurf an die Gäste, sondern eine strategische Herausforderung für die Veranstalter.
Wir brauchen einen Perspektivwechsel, dier die Mobilität als Teil des Programms begreift. Wir müssen aufhören, die Anreise als „Privatsache“ der Gäste zu betrachten. Sie ist integraler Teil des Events. Wenn 70 % der Emissionen dort entstehen, müssen wir dort auch 70 % unserer Innovationskraft investieren.
Was können wir konkret tun?
1 Ticket = Mobilitätsticket: Die Integration des ÖV-Beitrags in den Ticketpreis (wie es bei Großevents Standard ist) muss auch für regionale Kulturknotenpunkte zum Modell werden.
2 Digitale Mitfahrbörsen: Im Emailwerk wurde schon einmal die Mitfahrbörse geplant. Das Ziel: Die Auslastung der Autos von 1,5 auf 3 Personen zu heben – das halbiert die Emissionen pro Kopf sofort. Leider ist dieses Projekt an der Ablehnung der Fördergeber gescheitert, und allein kann auch ein mittelgroßes Kulturzentrum das nicht stemmen.
3 Anreize für "sanfte" Ankunft: Wer zu Fuß, mit dem Rad oder der Bahn kommt, könnte mit einem kleinen "Kultur-Bonus" (z.B. einem Getränkegutschein) belohnt werden. Wir müssen das klimafreundliche Verhalten emotional positiv aufladen.
4 E-Mobilität fördern: Als Hotspot für E-Mobilität können wir zeigen, dass die Anreise mit dem Stromer den ökologischen Fußabdruck massiv senkt und für die Dauer der Veranstaltung 2 kostenlose Ladestunden anbieten.
Zusammengefasst:
Die Transformation unserer Kulturlandschaft hin zur echten Nachhaltigkeit entscheidet sich nicht am Mehrwegbecher, sondern am Mobilitätskonzept. Für Häuser wie das Emailwerk bedeutet das: Wir sind nicht nur ein Ort der Kunst, sondern wir müssen auch zu Moderatoren einer neuen Mobilitätskultur werden. Die "unsichtbare Hauptbühne" braucht mehr Sichtbarkeit, um Lösungen zu finden, die den Weg zur Kultur so schön und nachhaltig machen wie die Kunst selbst.
Recherche: Die Diplomarbeit von Iris Klement (TU Wien, 2024) mit dem Titel „CO2-Fußabdruck von Großveranstaltungen am Beispiel von Musik-Festivals und Sportereignissen“ untersucht detailliert, wie Events ökologisch bewertet werden können:
Den gesamten Beitrag können Sie auch nachhören im LOVELECTRIC PODCAST oder in der LAUSCHBOX.

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