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Ein Thema, das viele von uns betrifft: Warum das E-Auto wütend macht

Elektroautos polarisieren. Kaum ein Thema im Mobilitätsdiskurs löst im Netz so heftige Emotionen aus wie das stille Summen der E-Motoren. Oft erreichen uns Mails oder Kommentare zu unserer Arbeit, die soviel Zorn in sich tragen, so vollgepackt sind mit persönlichen Angriffen, dasselbe lesen wir auch auf anderen Plattformen, in Kommentarseiten, Foren, Social Media – man stolpert schnell über Wut, Häme und sogar Hass. Doch warum ist das so? Nachdem wir gerade wieder mit einer solchen Botschaft konfrontiert wurden (am Ende des Eintrags findet man das anonymisierte Mail und unsere Antwort darauf), wollten wir das mal näher hinterfragen. (Jetzt auch im Podcast >>>)

Zunächst einmal: Es geht selten um Technik. Brandgefahr, Rohstoffe oder Ladeinfrastruktur sind die Sündenböcke für ein viel größeres Phänomen – Angst vor Veränderung. 

 

Psychologen nennen das Reaktanz: Wenn Menschen das Gefühl haben, jemand wolle ihnen etwas vorschreiben, reagieren sie aggressiv – selbst gegen Maßnahmen, die rational sinnvoll sind. Auf sozialen Medien verstärkt sich das noch. Empörung ist schneller, lauter, teilbarer. Fakten brechen auf Kommentarspalten oft ab, weil der Algorithmus Emotion belohnt, nicht Argumentation.

 

Ein gewichtiger Teil ist der Identitätsverlust: Für viele Menschen ist das Auto – und speziell der Sound und das Gefühl eines Verbrenners – ein Teil ihrer Identität und ein Symbol für Freiheit. Die E-Mobilität wird als Angriff auf diesen Lebensstil wahrgenommen.

 

Und dann noch die Kognitive Dissonanz: Wer seit Jahrzehnten einen Diesel fährt, möchte nicht hören, dass dies schädlich sei. Das E-Auto wirkt dann wie ein „moralischer Zeigefinger“, der Schuldgefühle auslöst. Um dieses unangenehme Gefühl (Dissonanz) loszuwerden, wird das neue Objekt (das E-Auto) abgewertet.

 

Es kommt zu einer Eliten-Wahrnehmung: E-Autos gelten oft als Spielzeug für Wohlhabende, die ein eigenes Haus mit Wallbox besitzen. Menschen in Mietwohnungen oder mit geringerem Einkommen fühlen sich abgehängt. Der Hass ist hier oft ein Ventil für eine tieferliegende soziale Frustration ("Die da oben schreiben uns vor, was wir fahren sollen, während wir uns das gar nicht leisten können").

 

Hinzu kommen noch Transformationsängste: Arbeitsplatzwechsel, neue Technologien, geändertes Konsumverhalten – das alles wirkt wie ein Kontrollverlust. In Kombination mit Desinformation und wiederkehrenden Mythen über E-Autos entsteht ein Cocktail, der sehr real wütend macht, ohne dass die Wut wirklich auf überprüfbaren Tatsachen beruht.

 

Natürlich gibt es da auch starken Lobbyismus: Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Interessengruppen (wie die fossile Brennstoffindustrie) über Jahre hinweg Narrative gestärkt haben, die Zweifel säen (z. B. "Brennt ständig", "Stromnetz bricht zusammen", "Kinderarbeit für Batterien").

 

Die Suche nach Bestätigung: Im Internet suchen Menschen gezielt nach Informationen, die ihre bestehende Meinung stützen. Ein einzelnes brennendes E-Auto wird in Kommentarspalten tausendfach geteilt, während tausende brennende Verbrenner ignoriert werden.

 

Algorithmen der Empörung: Plattformen wie Facebook oder X bevorzugen Inhalte, die starke Emotionen auslösen. Wut und Hass generieren mehr Klicks als sachliche Reichweitendiagramme. Das führt dazu, dass die lautesten und aggressivsten Stimmen überproportional sichtbar sind. Dazu ist die Hemmschwelle für Beleidigungen online deutlich niedriger. Was man einem Nachbarn nie ins Gesicht sagen würde, lässt sich anonym leicht in die Tastatur hämmern.

 

Das Spannende daran:

Wer diese Mechanismen erkennt, kann die Debatte entspannter führen. Fakten wirken besser, wenn sie nicht als Angriff auf Identität gelesen werden. Wahlfreiheit, Dialog und kleine Schritte – etwa das unverbindliche Testen eines E-Autos– entschärfen die emotionale Aufladung. Das E-Auto ist also weniger ein Fahrzeugproblem als ein soziokulturelles Phänomen: Dass es wütend macht, sagt mehr über unsere Ängste und Werte aus als über die Technik selbst. Wer das versteht, kann statt Hass sachlich neugierig bleiben – und den Wandel konstruktiv gestalten.

 

 

Als Anhang nun das Mail, das uns erreicht hat (mit der dazugehörigen Antwort) und das der Anlass für dieses Blogpost war:

 

Wir werden uns niemals ein Elektroauto kaufen. Warum?

- die Brandgefahr bei diesen Batterien ist viel zu groß. Wir haben vor 2,5 Jahren auf der Fahrt nach Bonn 2 E-Autos brennen sehen. In einem saßen die Insassen noch drin. Fürchterlich. Beim Laden sind bereits ganze Einfamilienhäuser in Flammen aufgegangen.

- Wir haben letztes Jahr in Chile die Umweltschweinerei sehen dürfen, die durch den Abbau von seltenen Erden passiert. Wichtige Ressourcen, wie Trinkwasser werden dafür massenhaft benötigt, vernichtet oder ungenießbar gemacht. Und nur, damit ein Herr Fellinger seine kranke Ideologie durchsetzen will.

- Es gibt und es wird auch in der Zukunft nicht genug Ladestationen und ausreichend Strom für Millionen von E-Autos geben. Oder wollen Sie etwa ganz Österreich mit Windkraftanlagen zupflastern, wo Wälder abgeholzt werden müssen, Wiesen zubetoniert werden, 90-Tonnen Schwerte Betonfundamente in den Boden gegossen werden müssen, die auf ewig dort verbleiben? Die Elektromobilität ist selber der größte Klimakiller, da ein E-Auto bei der Produktion bereits soviel CO2 frei setzt, wie ein moderner Diesel es bis zu einer Laufleistung von 200.000 gemacht hat.

- Wir retten damit nicht den Planeten. China baut jedes Jahr in Asien und Afrika etwa 300 neue Kohlekraftwerke. Da kann ganz Europa in die Steinzeit gehen. Der Planet wird sich weiter aufheizen.

- wir haben uns vor 2 Jahren ein 14 Meter langes XXXX Luxuswohnmobil gekauft, mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten. Der Motor hat knapp 600 PS und verbrennt im Stadtverkehr 45 Liter Diesel. Auf Urlaubsfahrten ziehen wir einen Anhänger hinterher, auf dem ein XXXX mit knapp 280 PS steht. Und wir werden uns 2033 ein neues Wohnmobil von XXXX kaufen, sowie einen neuen Verbrenner von XXXXX.

- Wir lassen uns diese kranke Technologie nicht von einer Minderheit aufdrängen.  

 

Antwort:

 

Sehr geehrter Herr XXXX,

vielen Dank für Ihre ausführliche, wenn auch sehr emotionale Rückmeldung. Ich möchte vorweg klarstellen: Niemand muss ein Elektroauto kaufen. Mobilitätsentscheidungen sind persönlich, emotional geprägt und von individuellen Bedürfnissen abhängig. Mein Ziel ist nicht, jemanden zu „überzeugen“, sondern eine faktenbasierte Diskussion zu ermöglichen.

Da Sie mehrere Punkte ansprechen, erlaube ich mir eine kurze sachliche Einordnung:

1. Brandgefahr von Elektroautos

Fahrzeugbrände sind tragisch – unabhängig vom Antrieb. Nach Daten von Versicherungen und Feuerwehren brennen jedoch Verbrennerfahrzeuge statistisch deutlich häufiger als Elektroautos. Brände von E-Autos sind medial sehr präsent, aber selten. Moderne Hochvoltbatterien unterliegen strengen Sicherheitsnormen; Ladebrände in Einfamilienhäusern sind äußerst selten und meist auf fehlerhafte Elektroinstallationen zurückzuführen – nicht auf das Fahrzeug selbst. (Untersuchung Swedish Civil Contingencies Agency (MSB, 2023): ca. 20–30 Fahrzeugbrände pro 100.000 E-Autos, bei Verbrennern rund 1.500 pro 100.000)

2. Rohstoffe, Wasserverbrauch und Umweltfolgen

Der Abbau von Rohstoffen ist ein ernstes Thema – für alle Antriebssysteme. Wichtig ist:

– Elektroautos benötigen keine „seltenen Erden“ für ihre Batterien.

– Lithiumabbau verursacht Umweltprobleme, allerdings werden heute über 70 % des Lithiums aus Sole gewonnen, mit deutlich geringerem Flächen- und Energieeinsatz als oft behauptet.

– Auch Erdölgewinnung, Raffination und Transport verursachen massive ökologische Schäden, werden jedoch selten in der Gesamtbilanz mitgerechnet.

– Batterien sind keine Einwegprodukte, sondern zentrale Bausteine einer entstehenden Kreislaufwirtschaft: Recyclingquoten von Nickel, Kupfer und Kobalt liegen bereits heute bei über 90 % (EU Joint Research Centre). 

3. Strom, Ladeinfrastruktur und Energiebedarf

Der zusätzliche Strombedarf durch vollständige Elektrifizierung des PKW-Verkehrs liegt in Österreich bei rund 15–20 % – über Jahrzehnte verteilt. Das ist beherrschbar. Elektromobilität ermöglicht zudem netzdienliches Laden und perspektivisch Rückspeisung (Vehicle-to-Grid).

Wind- und Solaranlagen ersetzen fossile Kraftwerke, sie sind kein Selbstzweck. Auch fossile Energie hinterlässt massive Eingriffe in Landschaft und Umwelt – nur oft außerhalb unseres Blickfelds.

4. CO₂-Bilanz

Zahlreiche unabhängige Studien (u. a. EU-Kommission, IEA) zeigen:

Ein Elektroauto verursacht in der Herstellung mehr CO₂ als ein Verbrenner, gleicht dies jedoch – je nach Strommix – nach 20.000 bis 50.000 km aus. Über den gesamten Lebenszyklus liegt es deutlich unter Diesel- und Benzinfahrzeugen. Die oft genannten „200.000 km“ sind wissenschaftlich nicht haltbar. Über den gesamten Lebenszyklus verursachen E-Autos in Europa 60–70 % weniger CO₂ als Diesel- oder Benzinfahrzeuge.

5. Globaler Kontext (China, Kohle, Klimawirkung)

Richtig ist: Klimaschutz ist ein globales Thema. Das bedeutet jedoch nicht, dass lokales Handeln wirkungslos ist. Europa hat seine CO₂-Emissionen seit 1990 deutlich reduziert, während China heute weltweit führend bei erneuerbaren Energien und Elektromobilität ist. Transformation geschieht nicht linear, aber sie findet statt.

6. Persönliche Mobilitätsentscheidungen

Ihre Entscheidung für ein großes Wohnmobil und leistungsstarke Fahrzeuge respektiere ich. Mein Anliegen ist nicht, Lebensstile zu bewerten, sondern faktenbasiert über technologische Optionen zu sprechen. Elektromobilität ist kein Allheilmittel, aber ein wirksamer Baustein zur Reduktion von Emissionen – insbesondere im Alltagsverkehr.

 

Abschließend: Elektromobilität ist keine „Ideologie“, sondern eine Technologie, die – wie jede andere – Vor- und Nachteile hat. Eine sachliche Diskussion lebt davon, Kritik ernst zu nehmen und Behauptungen überprüfbar zu machen. Genau dafür stehe ich und der Verein LOVELECTRIC..

Mit freundlichen Grüßen

Leo Fellinger

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Kommentare: 2
  • #1

    Kurt Egger (Donnerstag, 15 Januar 2026 11:29)

    Hallo Leo, ich höre auch, wenn auch, wenn auch selten, Aussagen wie vom Herrn XXXX. Viel öfter höre ich die von zufrieden bis begeistert reichenden Stellungnahmen von Menschen, die E-Mobilität nutzen und deshalb praktische Erfahrungen haben. Meinen Umstieg auf E-Mobilität würde ich schon ein wenig mit dem Sprung ins kalte Wasser vergleichen. Auch ich war in der Anfangsphase in manchen Aspekten unzufrieden. Allerdings hauptsächlich, weil die vielversprechende IT meines ID.3 jedefalls mich schon auch sehr gefordert hat.
    Nach über einem Jahr Fahr- und Ladepraxis kann ich jedefalls sagen, dass E-Mobilität nach der Anschaffung in meinem Fall deutlich günstiger je km ist, sich das Auto im Vergleich zum sehr komfortabelen Vorgänger VW-Caddy/Erdgas) noch komfortabler fährt und ich alleine deshalb schon froh bin umgesteigen zu sein.

    Bleib unermüdlich

  • #2

    Franz Kok (Donnerstag, 15 Januar 2026 18:43)

    Es geht glaube ich einfach auch um Neid und das Gefühl der Deklasdierung. Wer sich mühsam die fossile PS Leiter hochgearbeitet hat möchte nicht einfach zur Kenntnis nehmen, dass Leisung und Drehmoment von BEV nur von wenigen Verbrennern erreicht werden und Ladestrom von der Steckdose oder gar der eigenen PV- Anlage diesen Erlebnismoment nochdazu zu geringeren Kosten erlaubt.