Wo die Kunst den Himmel berührt - Saint-Paul-de-Vence
Der sechste und letzte Tag unseres Aufenhalts in der Provence empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein. Wir entschließen uns, diesen Tag der Kunst zu widmen und fahren nach Saint-Paul-de-Vence. In irgendeinem Reiseführer habe ich ein Zitat gelesen: "Wer die Côte d’Azur bereist, sucht oft das azurblaue Meer – doch wer ihr Herz finden will, muss hinauf in die Hügel". So falsch ist das nicht. Saint-Paul-de-Vence ist nicht einfach nur ein Dorf, es ist ein begehbares Gemälde, eine Festung der Ästhetik und vielleicht einer der charmantesten Orte, die Frankreich zu bieten hat.
Ein Dorf wie aus der Zeit gefallen
Schon die Anfahrt ist spektakulär: Wie eine Krone thront das mittelalterliche Dorf auf einem Felssporn. Hinter den massiven Stadtmauern aus dem 16. Jahrhundert erwartet die Besucher ein Labyrinth aus kopfsteingepflasterten Gassen. Das Besondere hier ist die Detailverliebtheit – nach ein paar Schritten bemerkt man die Calades, jene kunstvollen Steinmosaike unter den Füßen, während man an versteckten Innenhöfen und unzähligen kleinen Geschäften und Kunsthandlungen vorbeischlendert.
Wo Picasso seine Zeche zahlte
Saint-Paul ist untrennbar mit der modernen Kunst verbunden. In der legendären Auberge „La Colombe d’Or“ gaben sich Weltstars wie Picasso, Matisse und Chagall die Klinke in die Hand. Die Legende besagt, dass sie ihre Mahlzeiten oft mit Skizzen und Gemälden bezahlten, die heute noch die Wände schmücken. Auch heute ist das Dorf eine einzige Freiluftgalerie. Hinter jeder Ecke verbirgt sich ein Atelier oder eine Galerie mit zeitgenössischer Kunst. Wir nehmen uns Zeit für einen Kaffee am Place de Gaulle. Hier schlägt das soziale Herz des Dorfes. Jetzt, im Winter, wenn die Platanen keinen Schatten werfen, spielen die Einheimischen nur selten Pétanque. Dennoch ist dies einer der berühmtesten Plätze der Welt, um diesem Spiel zu frönen. Prominente wie Yves Montand waren hier Stammgäste. Es gehört zum Pflichtprogramm, den Einheimischen im Sommer bei einem Pastis unter den Platanen zuzuschauen. Der Friedhof am Ende des Dorfes wirkt fast wie ein Balkon über dem Tal. Hier fand Marc Chagall seine letzte Ruhe – ein Ort mit einem atemberaubenden Panorama, das man nie wieder vergisst.
DER Ort der Kunst: die Fondation Maeght
Unser eigentliches Ziel und ein absolutes Muss für Kunstliebhaber aber ist die Fondation Maeght, die etwas oberhalb des Dorfes liegt. Die Strasse schlängelt sich durch Pinien, der Blick öffnet sich, dann liegt sie da, leicht erhöht, ein Versprechen aus Stein, Licht und Luft. Sie gehört zu den wichtigsten Orten moderner Kunst in Europa. Kein klassisches Museum, sondern ein offenes Ensemble aus Architektur, Skulpturengärten und Ausstellungsräumen. Entworfen wurde es Anfang der 1960er-Jahre vom Architekten Josep Lluís Sert, der Kunst und Landschaft bewusst miteinander verzahnte.
Wir beginnen unseren Rundgang im Außenbereich. Im sogenannten Giacometti-Hof stehen mehrere Skulpturen von Alberto Giacometti. Die schlanken, aufrecht stehenden Figuren wirken isoliert und zugleich präsent. Der Raum zwischen ihnen ist Teil der Inszenierung – Bewegung entsteht hier durch Distanz, nicht durch Aktion.
Unmittelbar anschließend liegt das Miró-Labyrinth. Joan Miró gestaltete diesen Bereich als begehbare Abfolge aus Mauern, Keramiken und Skulpturen. Der Weg ist nicht vorgegeben, Orientierung entsteht im Gehen. Die Arbeiten verbinden spielerische Formen mit klaren architektonischen Eingriffen. Im zentralen Garten hängt ein Mobile von Alexander Calder. Die Skulptur reagiert auf Wind und Licht und verändert sich kontinuierlich. Bewegung ist hier kein Effekt, sondern eine Eigenschaft des Werks.
Die Innenräume zeigen zentrale Positionen der Klassischen Moderne. Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von Georges Braque, Marc Chagall, Fernand Léger und Wassily Kandinsky. Die Präsentation ist zurückhaltend, die Räume sind lichtdurchflutet, Übergänge fließend. Ein besonderer Ort ist der Braque-Hof, in dem Mosaike, Skulpturen und Architektur ineinandergreifen. Hier wird deutlich, dass die Fondation nicht als neutrale Hülle gedacht ist, sondern als Teil der künstlerischen Aussage.
Am Rand des Geländes finden sich kinetische Arbeiten von Takis, die mit Magnetismus und Spannung arbeiten, sowie langsame Wasserskulpturen von Pol Bury. Beide Positionen thematisieren Bewegung und Energie auf reduzierte Weise. Jede Beschreibung fällt schwer: Die Fondation Maeght lässt sich nicht in einer Abfolge von Highlights erschließen. Der Ort funktioniert über Übergänge, über das Zusammenspiel von Kunst, Raum und Zeit. Wer die Anlage verlässt, nimmt weniger einzelne Werke mit als das Bild eines Museums, das bewusst auf Tempo verzichtet. Am Ende sitzt man auf einer Terrasse. Blick ins Grün, Licht auf Stein, Schatten, die die Architektur ständig verändern. Man denkt weniger über Kunst nach, als über Zeit, Bewegung, Verantwortung. Die Fondation Maeght verlässt man nicht mit einer Liste von Meisterwerken, sondern mit einem Gefühl: dass Schönheit nicht im Ziel liegt, sondern im Dazwischen.
Ein großartiger Tag, den wir unseren kunst- und ortskundigen Freunden Sepp und Patricia zu verdanken haben, die großartigen Gastgeber von Montdoux in Correns.
Jardin Secret - eine kulinarische Neuentdeckung
Kunst und Kulinarik sind bekannterweise nicht weit voneinander entfernt, ganz besonders in der Provence. In Cotignac, hinter jahrhundertealten Steinen inmitten einer geschützten Natur auf dem Landgut Lou Calen - eine 200 Jahre alte, geschichtsträchtige Bastide inmitten von Weinbergen und Olivenbäumen - liegt das Restaurant Jardin Secret. Chefkoch Benoit Witz kreiert hier seine eigene instinktive Küche, angetrieben von saisonalen Gerichten: frisch geerntetes Gemüse, lokales Fleisch, frischer Fisch - alles perfekt gekocht, mit einem authentischen Geschmack, der sich mit echter Aufrichtigkeit ausdrückt. Jeden Tag bietet er ein einzigartiges Drei-Gänge-Menü rund um die sonnigen Aromen der Provence.
Benoit wuchs auf einem kleinen Familienbauernhof im Elsass auf und entwickelte eine Leidenschaft für Gartenarbeit und Küche. Anschließend folgte er seiner Berufung zu den größten Küchen Frankreichs unter der Leitung von Paul Bocuse und Alain Ducasse, die Benoit mehrere von Ducasses prestigeträchtigen Restaurants in der Provence und Monaco anvertrauten. Verführt von der bezaubernden Umgebung von Cotignac und Lou Calens aufregendem Erbe, freute sich Benoit damit, in die Var-Landschaft zurückzukehren und eine neu entdeckte Quelle der Inspiration zu sein. Benoit arbeitet gerne mit lokalen Produzenten zusammen, um die höchste Qualität der Küche zu gewährleisten. Und er hat eine Leidenschaft: die Kombination von Aromen und Texturen, um einfache, aber bedeutende saisonale Zutaten zu verbessern.
Jardin Secret widmet sich einem gut erforschten ökologischen Ansatz, der die Null-Abfall-Küche priorisiert. Es wird mit sorgfältig ausgewählten Lebensmittelproduzenten in der Region zusammengearbeitet, die Speisekarte umfasst frisches Obst und Gemüse direkt aus eigenem Garten und Gewächshaus, was man nicht selbst anbaut, kommt vom Markt in Cotignac. Der im März 2023 verliehene "MICHELIN Green Star" bestätigt dieses Engagement für umweltbewusste Gastronomie. Das Label Restaurant Engagé (Motiviertes Restaurant) zeichnet Gastronomen aus, die einen Schritt in Richtung eines umweltbewussten Ansatzes unternommen haben. Das Restaurant Jardin Secret wird heute vom Culinary College of France für sein Engagement für kulinarische Vielfalt anerkannt.
Das Geheimnis ist aber vor allem die Atmosphäre, die man als Gast erlebt. Statt eines Speisesaals im üblichen Sinne wurden wir in einen der kleinen, intimen Räume der historischen Bastide geführt. Das Design dort ist meisterhaft unaufgeregt: Sanftes Licht bricht sich an den jahrhundertealten Mauern, die Patina der Wände erzählt von vergangenen Zeiten, und auf den Tischen findet man keine steifen Decken, sondern ehrliche, natürliche Materialien. Es fühlte sich weniger nach „Restaurantbesuch" an, sondern eher so, als hätten uns gute Freunde in ihr privates Landhaus eingeladen. Es ist ein Luxus der Zurückhaltung. Hier zählt nicht das Sehen und Gesehenwerden, sondern der Moment, der Duft von Thymian und das Gefühl, für ein paar Stunden Teil der provenzalischen Erde zu sein. Ein Abend im Jardin Secret ist eine Einladung zur Entschleunigung – magisch, authentisch und zutiefst berührend. Und - als ganz besonders Erlebnis: In unserem Raum, den wir zu viert ganz exklusiv temporär bewohnten, war ein Plattenspieler und hunderte Schallplatten mit französischer Musik. Natürlich haben wir eine LP aufgelegt...
Unser Menü:
Als Vorspise genossen wir marinierte Lauchstreifen mit schwarzen Trüffeln, gefolgt von einem Jakobsmuschel-Zwischengang.Dann das Hauptgericht: Gegrillter Wolfsbarsch auf Erbsenspiegel mit Mangold und Kartoffeln sowie eine langsam gegarte Poularde mit sautiertem Wintergemüse. Als Nachspeise gab es Apfeltarte mit Vanille-Eis und Schokosauce sowie Mousse au Chocolat auf Mürbteigboden. Letzteres als Geburtstagsgruss für die beste aller Reisebegleiterinnen...
Die nützlichen Adressen dazu:
Fondation Maeght
623, Chemin des Gardettes
06570 Saint-Paul de Vence
Mail: [email protected]
Tel: +33 (0)4 93 32 81 63
Web: www.fondation-maeght.com
Jardin Secret Restaurant
Rue de l'Araignée 13
83570 Cotignac
Tel: +33 494 78 30 51
Mail: [email protected]
Web: www.loucalen.com
Domaine MontDoux
1210, Chemin de Palette
83570 Correns
Tel: +33(0)645220472
Mail: [email protected]
Web: www.montdoux.at























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Klaus Hattinger (Freitag, 02 Januar 2026 20:21)
Was für ein eindrucksvoller Abschluss. An diesem Ort wird spürbar, dass Kunst nicht nur betrachtet, sondern erlebt wird – sie kann hier tatsächlich „elektrisieren“. Gute Heimreise!