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EU-Kommission: Ein Schritt zurück, während andere beschleunigen

Die Europäische Union plant eine deutliche Lockerung der CO₂-Vorgaben für Neuwagen und verabschiedet sich damit offiziell vom bisherigen Verbrenner-Aus. Nach den Plänen der EU-Kommission sollen auch nach 2035 weiterhin Neuwagen mit Verbrennungsmotor zugelassen werden können. Das betrifft nicht nur Plug-in-Hybride und Fahrzeuge mit Range Extender, sondern auch klassische Benziner und Diesel.

 

Warum die Aufweichung des Verbrenner-Aus ein fataler Fehler ist

Es gibt politische Entscheidungen, die wirken auf den ersten Blick pragmatisch. Verständlich. Beruhigend. Und genau darin liegt ihre Gefahr. Die heutige Entscheidung der EU-Kommission, das geplante Verbrenner-Aus aufzuweichen, gehört in diese Kategorie. Man wolle der Industrie Luft verschaffen, heißt es. Realismus statt Ideologie. Technologieoffenheit statt Zwang. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Diese Entscheidung ist kein kluger Kompromiss – sie ist ein Rückschritt. Für das Klima. Für die Umwelt. Und paradoxerweise auch für jene Industrie, die man zu schützen vorgibt.

 

Klimapolitik lebt von Klarheit, nicht von Schlupflöchern

Der Verkehrssektor ist Europas Sorgenkind. Seit Jahrzehnten sinken die Emissionen hier kaum. Das Verbrenner-Aus ab 2035 war eines der wenigen wirklich klaren Signale: Ab einem bestimmten Punkt ist Schluss mit fossilen Neuwagen. Nicht als Strafe, sondern als Orientierung. Diese Klarheit wird nun verwässert. Statt eines eindeutigen Ziels treten Prozentzahlen, Ausnahmen, Übergangslogiken. Auf dem Papier klingt das flexibel. In der Realität bedeutet es vor allem eines: Verzögerung.

Doch Klimaschutz funktioniert nicht mit Vielleicht-Regeln. Jeder zusätzliche Verbrenner, der heute zugelassen wird, fährt im Zweifel noch 15 oder 20 Jahre. Die Emissionen verschwinden nicht, weil man sie politisch relativiert. Sie bleiben – in der Atmosphäre, in den Städten, in den Gesundheitsstatistiken.

 

Das falsche Signal zur falschen Zeit

Mindestens ebenso problematisch ist das Signal, das Europa mit dieser Entscheidung aussendet. Nach innen wie nach außen. Nach innen entsteht Unsicherheit. Unternehmen investieren nicht in Milliardenhöhe, wenn politische Leitplanken wackeln. Wer heute wieder Hoffnung auf ein längeres Leben des Verbrenners hat, wird morgen weniger entschlossen in Batteriefabriken, Software oder Ladeinfrastruktur investieren. Der Umbau wird nicht schneller – sondern halbherzig. Nach außen wirkt Europa unentschlossen. Während China längst klar auf Elektromobilität setzt, Produktionskapazitäten hochfährt und technologische Führung beansprucht, diskutiert Europa erneut über den Rückzug in alte Denkmuster. Das ist kein Schutz der Industrie, das ist ein Bremsmanöver im globalen Wettbewerb.

Wer glaubt, man könne China mit einem „Weiter so, aber ein bisschen sauberer“ einholen, verkennt die Dynamik dieses Marktes. Elektromobilität ist dort kein Zukunftsprojekt mehr, sondern Gegenwart.

 

Technologieoffenheit als Ausrede

Besonders häufig fällt in diesen Tagen ein Wort: Technologieoffenheit. Ein schönes Wort. Aber eines, das oft missbraucht wird. Offenheit bedeutet nicht, jede Technologie künstlich am Leben zu halten. Sie bedeutet, die effizientesten, skalierbarsten und zukunftsfähigsten Lösungen zu fördern. Und hier ist die Lage längst klar: Der batterieelektrische Antrieb ist in der Breite die effizienteste Form individueller Mobilität. Alles andere – von E-Fuels bis synthetische Kompensationen – ist teuer, knapp oder energetisch hoch ineffizient.

Wenn Politik so tut, als seien all diese Wege gleichwertig, verschleiert sie die Realität. Es ist empörend, mit welcher Nonchalance hier die Zukunft der nächsten Generationen verhandelt wird. Jeder zusätzliche Verbrenner, der heute noch auf die Straße kommt, wird für die nächsten 15 bis 20 Jahre CO₂ in die Atmosphäre blasen. Dieses CO₂ bleibt – es wird nicht weniger, nur weil wir die politischen Ziele verwässern. Die sogenannte „Technologieoffenheit“ entpuppt sich dabei als zynisches Instrument der Verzögerung. 

 

Der eigentliche Fehler: Angst vor Veränderung

Am Ende ist diese Entscheidung weniger eine technische als eine psychologische. Sie entspringt der Angst vor Veränderung. Vor Wählerreaktionen. Vor Strukturbrüchen. Vor dem Eingeständnis, dass der Verbrenner kein Zukunftsmodell mehr ist. Diese Entscheidung verwischt bewusst den klaren Befund der Wissenschaft: Der batterieelektrische Antrieb ist nicht nur eine von vielen Optionen, sondern die effizienteste, sauberste und bereits verfügbare Lösung für eine dekarbonisierte individuelle Mobilität. Alles andere ist Augenwischerei und ein Festhalten an einer Technologie, die ihre Zukunft hinter sich hat. Doch Transformation lässt sich nicht dadurch meistern, dass man sie verzögert. Sie wird dadurch nur härter, teurer und sozial ungerechter. Ein klarer, planbarer Übergang hätte genau das ermöglicht: Orientierung, Investitionssicherheit und einen fairen Umbau.

 

Lovelectric-Fazit:

Das Aufweichen des Verbrenner-Aus ist kein Sieg der Vernunft. Es ist ein Sieg des Zögerns.

Europa verspielt damit Glaubwürdigkeit in der Klimapolitik, Tempo im industriellen Wandel und Vertrauen in die eigene Zukunftsfähigkeit.

Während andere beschleunigen, nimmt Europa den Fuß vom Strompedal – ausgerechnet jetzt.

Und das ist vielleicht der größte Fehler: nicht, dass man sich bewegt. Sondern dass man es zu langsam tut.

 

Sollten manche Abkürzungen oder Begriffe nicht verständlich sein, nutzen Sie bitte unser Glossar >>>

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Klaus Hattinger (Mittwoch, 17 Dezember 2025 09:17)

    Danke für diesen klaren und unbequemen Beitrag, Leo.
    Wenn politische Leitplanken verwässert werden, entsteht nicht Freiheit, sondern Unsicherheit – für Klima, Industrie und Gesellschaft.

    Gerade deshalb ist das kein Thema nur für „die Politik“.
    Wir als Bürger:innen können und sollten reagieren: Stellung beziehen, Abgeordnete anschreiben, fundierte Beiträge teilen, lokale Entscheidungen hinterfragen und dort Druck machen, wo wir Einfluss haben.

    Zögern ist auch eine Entscheidung.
    Und sie kostet uns Zeit, Glaubwürdigkeit und Zukunftsspielraum.

    Dein Beitrag ist ein guter Anlass, nicht nur zuzustimmen – sondern zu handeln.

  • #2

    Franz Kok (Mittwoch, 17 Dezember 2025 11:14)

    Also ich sehe das nicht so dramatisch weil: Industriell sind die Weichen gestellt, die 10% Reduktion des Umstellungsziels rechnet sich nicht, beruhigt aber fossile Gasfüße die rechthaben wollen und jene, welche meinen dass sie ihr Zulieferportfolio nicht ändern müssen. Das Gelingen der eMobilitätswende muss in jedem Fall von der Autoindustrie und mit entsprechenden und leistbaren BEV verantwortet werden sowie vom Infrastrukturausbau für eine erneuerbare Energiebereitstellung abhängen. Dazu zähle ich auch die Netz- und Ladeinfrastruktur, vor allem aber die Möglichkeiten zur dezentralen erneuerbaren Energieerzeugung und Speicherung. Bei zweitem sind wir mutig mit PV und Erneuerbare Energie Gemeinschaften gestartet aber noch weit vom Ziel entfernt. Die Erwartung das mit sinkenden Energiekosten zu verbinden ist berechtigt, die Hoffnung auf sinkende Systemkosten (Stromnetzt, Speicher) ist jedoch unberechtigt. Geplauder über ein „Billigstromgesetz“ wie zuletzt halte ich da für absolut kontraproduktiv weil den Menschen Sand in die Augen gestreut wird. Das kann der Sandmann mit Kindern, funktioniert aber nicht bei Richtungsentscheidungen in der Energieinfrastruktur welche nur mit erheblichem Investitionsaufwand in neue Anlagen gelingt.

  • #3

    Karen Allmer (Mittwoch, 17 Dezember 2025 12:09)

    Fazit: Warum diese Entscheidung ein fataler Fehler ist
    Klimaziele werden untergraben – echte Null-Emissionen verschwimmen in
    Kompensations-Spielregeln – den Preis zahlen die Menschen.
    Markt schafft keine klare Richtung – Investoren, Hersteller und Verbraucher
    bleiben verunsichert.
    Europa verliert im globalen Wettbewerb – China und andere Märkte setzen klar auf
    Elektro.
    Kurzum: Die Entscheidung kostet nicht nur Zeit – sie kostet Wirkung,
    Glaubwürdigkeit und Wettbewerbsvorsprung. Und in einer Welt, in der der
    Klimawandel bereits spürbare Folgen zeigt, ist Zeit einer der wertvollsten Rohstoffe,
    den Europa jetzt verspielt.

  • #4

    Gregor (Donnerstag, 18 Dezember 2025 13:29)

    Wie ich das verstanden habe, sind ja ab 2035 nur Verbrenner als Range Extender erlaubt und keine echten Verbrenner mit Direktantrieb. EURO 7 macht darüber hinaus Verbrenner schon in den nächsten 2 Jahren unwirtschaftlich. Euro 7 hat auch Konsequenzen für Elektroautos weil der Reifenabtrieb in den Fokus gelangt und somit leichte Elektro Autos mit kleinem Akku gefördert werden. Das ganze Thema ist nur Ablenkung. Es hat sich nichts geändert. Verbrenner sind tot und Elektrofahrzeuge werden bald auch nicht mehr alle Freiheiten haben. Also am E-Auto führt nix vorbei, aber das Auto wird durch Regulation vermehrt ein Luxus Gut. Ganz andere Wege geht slate.auto in den USA. Ein reduziertes Fahrzeug mit DIY Ansatz. Das finde ich mal einen echten Gegenentwurf. Ein Auto, das man selbst ändern kann, das man selbst auch in Teilen reparieren kann. So etwas wäre schön. Nur slate.auto wird in der EU keine Chance auf Zulassung erhalten, weil eben keine Assistenzsysteme, sondern einfach nur ein einfaches E-Auto das fährt.