· 

Auf der Suche nach dem Frühling

Auch wenn es Mitte Februar in Österreich schon sehr nach Frühling aussieht (oder gerade deswegen), machen wir uns auf zu einer kurzen Auszeit, um dem Erwachen der Natur noch etwas entgegenzufahren. Eine Abkürzung sozusagen. Die Wahl fällt auf Meran, Südtirol geisterte schon lange in unseren Köpfen herum, jetzt scheint die Zeit gekommen. Natürlich mit elektrischer Mobilität, wenn auch nicht mit dem ID.Buzz, immer wieder holt uns die Erinnerung an unseren liebgewonnenen Leih-Kürbis (Spitzname) ein. Was soll´s - Hauptsache elektrisch, und bei knappen 340 Kilometern auch keine Herausforderung für ein handelsübliches Mittelklasse-E-Fahrzeug. Zur Lade-Infrastruktur in Südtirol dann etwas später noch ein paar Worte.

 

Also auf nach Meran, idealerweise Mitte der Woche, um jeden Schi-Ferien-Verkehr zu entkommen. Nach knappen vier Stunden erreicht man diese wunderbar gelegene Stadt - übrigens die zweitgrößte Stadt Südtirols und die einzige Stadt Südtirols, deren Bevölkerung sich je zur Hälfte aus italienisch- und deutschsprachigen Einwohner:innen zusammensetzt. Auf den ersten Blick wirkt sie mondän und reich, der architektonische Parcours in Meran reicht von romanischen und gotischen Kirchen, den Stadttoren und Laubengängen bis zu modernen Gebäuden im Jugendstil wie dem bekanntesten Gebäude der Stadt, dem Kurhaus. Meran verdankt seinen Aufstieg zum Erholungs- und Kurort in hohem Maß seinen vielen Kuranlagen, Promenaden und Parks. Eingebettet in die umgebenden Berge nimmt man sofort das alpin-mediterrane Klima und jetzt - im Februar! - das viele sprießende Grün wahr.

Wir haben ein Zimmer in einer - unserer Reisetradition entsprechenden - besonderen Location gebucht, nämlich dem ältesten Gasthaus Merans, direkt in den Lauben in der Altstadt gelegen. 1745 taucht das „Weiße Rössl“ als tafferne (Taverne) das erste Mal in den Geschichtsbüchern auf. Das „Rössl bianco“, wie es heute heißt, war immer ein Gasthaus der einfachen Leute. Es fehlen teure Bauelemente, Steingewände oder Fresken. Das Baumaterial stammte aus der näheren Umgebung und wurde mit großen Mühen hergebracht und verbaut: Steine, Tonziegel, Kalk und Holz. Das ist auch heute noch sichtbar: alte Balken, Bodendielen, Tonziegel und Steine wurden weiterverwendet und lassen die Gasthausseele weiteratmen. Der Junior-Chef empfängt uns (die Mutter ist auf Urlaub in Spanien) und bringt uns durch ein Labyrinth an Treppen und Gängen zu unserem Zimmer. Eine wahre Freude, hier zu wohnen.

Wir parken unser Auto in der Nähe und als wir aus der Garage kommen, empfängt uns das Bild einer Schnapsbrennerei und einer Enothek. Nicht ganz zufällig, denn Wein ist eines der zentralen Themen hier. Besonders bekannt die zwei autochthonen Rebsorten Vernatsch und Lagrein, aber auch andere Rotweine werden hier gekeltert: Blauburgunder, Merlot, Cabernet, Zweigelt und Rosenmuskatelier. Was uns nicht bewusst war: In mehr als der Hälfte der Südtiroler Weinberge wachsen weiße Rebsorten: Pinot Grigio, Weißburgunder und Chardonnay als die wichtigsten, aber nirgendwo in Italien ergeben auch die anderen weißen Sorten wie Gewürztraminer, Sylvaner, Müller-Thurgau, Riesling, Sauvignon, Veltliner oder Kerner so fruchtig-frische, typische und charaktervolle Weine.

 

Es ist noch früh am Nachmittag und wir entschließen uns zu einem Rundgang durch die Altstadt. Wie immer zieht es uns sofort ans Wasser, in Meran also an die Passer (ital. Passirio). Was am Timmelsjoch als kleine Quelle seinen Anfang nimmt, wächst durch zahlreiche Zuflüsse aus dem Passiertal, den Sarntaler Alpen und der Texelgruppe zu einem respektablen Fluss heran. Der gesamte Verlauf der Passer durch Meran ist eine Naherholungszone, gesäumt von Spazierwegen, auf denen schon diverse Schriftsteller wie Christian Morgenstern wandelten, wie man in Gedichten nachlesen kann: „... flattert unter grünen Lauben, durstig naschend an den Trauben, die in üppiger Fülle schwellen - Hält den Athem an zu lauschen, wo der Passer klare Wellen, wild der Etsch entgegenrauschen ...

Genau dort genießen wir die letzten Sonnenstrahlen, wandernd, staunend, und vor allem den Umstand genießend, dass Meran im Februar ganz und gar in den Händen der Einwohner:innen ist, die Atmosphäre ist einmalig, gerade das Sprach-Wirrwarr - da italienisch, da deutsch, da südtirolerisch - macht diese Stadt so sympathisch. Das Miteinander verschiedenster Einflüsse scheint hier in einer ganz eigenen Kultur gemündet zu sein. Direkt am Ufer der Passer finden wir auch noch ein Sonnenplätzchen in einer Bar, nein, einer Mischung aus Bar, Bistro und Enothek. Wir lassen den Rest des Tageslichts hier vergehen, quetschen uns noch durch eine Demonstration, erreichen glücklich unser „Gasthaus“ und lassen uns hier mit großartiger Kochkunst und einer Flasche „Grieser Lagrein Riserva DOC Prestige“ aus dem Jahr 2020 von der Kellerei Bozen verwöhnen. 

 

Wer´s genau wissen will: Speckknödelsuppe, Risotto mit Radicchio und Speck, Tagliatelle mit schwarzem Trüffel und Pecorino, eine knusprige Entenkeule mit Kartoffelkroketten und Blaukraut, als Nachspeise ein Semifreddo, also Honig-Halbgefrorenes auf Orangenfilets.

Der nächste Tag ist dem Wandern gewidmet. Wir nehmen uns den Tappeinerweg vor, der vom Stadtzentrum aus am Hang des Küchelberges entlang führt. Er gehört zu den schönsten Höhenpromenaden Europas und bietet eine Mischung aus alpiner und mediterraner Vegetation in Kombination mit einem unglaublichen Panoramablick. Hier wachsen Pinien, Himalaya-Zedern, Korkeichen, Ölbäume, Eukalyptus, Bambusarten und Magnolien, Agaven, Aloen und Feigenkakteen. Wir wandern bis nach Gratsch und entschließen uns dort spontan, noch weiter bis ins Dorf Tirol aufzusteigen. Insgesamt werden es dann 12 km und knapp 300 Höhenmeter sein. Die Suche nach einer Einkehr wird zu einer Odyssee, es ist um diese Zeit so gut wie alles geschlossen, in einer Bäckerei finden wir letztlich eine gnädige Seele, die uns einen Cappuccino serviert. Wir wandern wieder zurück über den Weinwanderweg und den Gnaidweg. Selbiger schlängelt sich gemächlich durch die Weingüter entlang mehrerer Stationen mit spannenden Einblicken in Weinwissen, -anbau und -geschichte. 

Zurück in Meran suchen wir eine italienische Institution auf - das Signorvino. Eine Enoteca, die man erst finden muss: In den oberen Lauben gilt es den schmalen, etwas versteckten Durchlass zu finden, der in einen alten Innenhof führt. Hier lagern 1500 italienische Weine: Zum kaufen, aber viele davon auch zur sofortigen Verkostung, begleitet von einer einfachen, aber schmackhaften italienischen Küche. Hier belohnen wir uns für die Strapazen des Tages. Mit neuen Kräften erschließen wir noch die Wasserfälle der Passer ganz am Eingang der Stadt. Die Wasserfälle sind eher eine rauschende Klamm, aber wie alles hier wildromantisch und wunderschön.

Nach einer kurzen Einkehr bei Gigi und einer kleiner Weißwein-Verkostung suchen wir noch einmal (was für uns ungewöhnlich ist) unser Gasthaus-Restaurant auf.  Wer´s genau wissen will: Tonno fresco mit Gurkenschaum, Oliven und Limette, Tagliatelle mit schwarzem Trüffel und Pecorino, Wiener Schnitzel vom Kalb mit Röstkartoffeln und - man kanns nicht glauben - Ungarisches Rindsgulasch mit Südtiroler Speckknödeln, eine Kreation der ungarischen Chefköchin des Hauses.

Der dritte Tag ist zwar der Heimreise gewidmet, aber nicht, ohne in Bozen in der legendären Benediktinerabtei im Bozener Stadtteil Gries-Quirein ein paar Flaschen Lagrein einzukaufen. Was uns überrascht: Gries-Quirein als einer der fünf Stadtteile von Bozen mit über 30.000 Einwohnern - was es zum bevölkerungsreichsten Viertel der Stadt macht - hat einen überaus ländlichen und dörflichen Charakter bewahrt, was in erster Linie dem Weinbau zu verdanken ist. Dann fahren wir ins Bozener Zentrum mit der Idee, das Auto auf einem Parkplatz zu laden, während wir durch die Altstadt flanieren. Grundsätzlich eine gute Idee. Aber wir haben die Rechnung nicht mit dem italienischen Stromanbieter gemacht. Fürs Laden via App ist wie üblich eine Registrierung notwendig, die sich aber hier als Falle erweist. Zum einen ist der Internetempfang ist diesem Teil der Stadt katastrophal, zum anderen treffen wir auf seltsame Bugs. Zum Beispiel ist eine Wiederholung der Mail-Adresse notwendig, das zweite Feld akzeptiert aber keinen Sonderzeichen und Satzzeichen. Ohne @ und . wird das nichts. Neben uns kämpft ein Salzburger Taycan-Fahrer mit demselben Problem, wir gehen aufeinander zu und fragen uns gegenseitig nach Lösungen. Die Überraschung: Es ist der legendäre Koch Roland Trettl (Ikarus - man erinnere sich), der ja selbst Südtiroler ist und auch überzeugter Elektromobilist. Wir diskutieren kurz die fehlende Lade-Infrastruktur Südtirols, dann aber zeigt uns Roland, wo er geboren ist. Er lenkt unseren Blick auf ein Gipfelkreuz und meint: „Dahinter bin ich geboren, in Oberbozen. Ein wunderschöner Ort, schon die Seilbahnfahrt hinauf ist ein Erlebnis“. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen, wir verzichten auf das Laden (das können wir auch später unkompliziert am Brenner) und fahren mit der Seilbahn nach Oberbozen. Die Fahrt ist ein Genuss, das Panorama hinreißend, Oberbozen selbst gleicht einer Geisterstadt, wie alles hier außerhalb der Saison. Trotzdem - wir Glückspilze finden ein entzückendes Cafe, das geöffnet ist: Tutti Patschenggele. Zum Abschluss unserer Kurzreise noch einmal das Panorama bei der Talfahrt genießen, dann gehts wieder nach Hause. Ein lohnender Ausflug.

Hier noch wie immer nützliche Adressen:

 

RÖSSL BIANCO

bistro & bed & breakfast

Lauben 357

39012 Meran

T +39 0473 338032

T +39 334 7351219 (Anna)

M info@roesslbianco.it

W www.roesslbianco.it

 

GIGIS BAR

Passeggiata Lungo Passirio 68

39012 Merano

Italien

T +39 (391) 306 5372

M gigisbar@outlook.com

SIGNORVINO

Lauben 104

39012 Merano

M merano.portici@signorvino.it

W www.signorvino.com

 

KLOSTERKELLEREI MURI-GRIES

Grieser Platz 21

39100 Bozen

T +39 0471 282287 | F +39 0471 273448

W www.muri-gries.com

 

TUTTI PATSCHENGGELE

Dorf 8, Oberbozen

39054 Ritten

M tutti@tutti-patschenggele.com

W www.tutti-patschenggele.com

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 0