Der 12. Tag

Wir verlassen nun endgültig die bretonische Küste und bewegen uns Richtung Nordost. Unser Ziel ist Rennes, Hauptstadt der Bretagne. Auf den ersten Blick eine angesagte, kreative Region am Puls der Zeit. Rennes wirkt jung, Pubs und Cafés sind gut gefüllt mit den Student:Innen dieser Universitätsstadt, eingebettet in eine Mischung aus windschiefen Fachwerkhäusern in verwinkelten Pflastergassen und imposanten Palästen aus Barock und Renaissance. Eine Kulturstadt, leider finden die Festivals nicht gerade jetzt statt, sondern vorher und nachher. Anfang Juli gehören die Straßen der Stadt beim Kunstfestival „Les Tombées de la Nuit“ ganz der kreativen Szene, während im November und Dezember Nachwuchskünstler aus Theater und Musik bei den Festivals „Mettre en Scène“ und „Transmusicales“ ihren großen Auftritt haben. Lenny Kravitz, Björk und Nirvana spielten hier schon. 

 

Unser Ziel ist aber etwas anderes. Es ist Samstag und wir wollen die Atmosphäre eines symbolischen Ereignisses genießen: den Marché des Lices. Jede Woche, Sommer und Winter, treffen sich rund 300 Händler und Handwerker aus der ganzen Region auf der Place des Lices, um ihre Produkte zu verkaufen. Dieser riesige Freiluftmarkt hat eine 400-jährige Tradition und ist mit 10.000 Besuchern pro Woche der zweitgrößte Markt Frankreichs. Es ist ein zentraler Ort, an dem die Rennais "ihre Gewohnheiten haben", von fünf bis halb zwei Uhr: Je nachdem, wann Sie dorthin gehen, kreuzen Sie den Weg der Frühaufsteher, die ihre Lebensmittel vor allen anderen abholen, Partytiere, die vor dem Schlafengehen einen Snack zu sich nehmen, und wenig später Freunde, die ein gutes Frühstück genießen, Familien und Studenten, die einen Kaffee trinken, und so weiter und so fort.

 

Rennes ist eine Stadt, die von Feldern und Ackerland umgeben ist, so dass viele Bauern kommen, um ihr Obst und Gemüse auf dem Markt zu verkaufen. Da das Meer auch in der Nähe ist, kommen die Fischer von der Nord- und Südküste und verkaufen die frischesten Fische und Meeresfrüchte, die man sich vorstellen kann. Ich verkoste eine Auster (köstlich!) und für Fleisch- und Käse-Spezialitäten aus ganz Frankreich besuchen wir einen der beiden wunderschönen Pavillons aus dem 19. Jahrhundert und werden ebenfalls fündig. Wir treffen dort Jordan, einen lokalen Käsehändler, der sorgfältig Rohmilchkäse auswählt, der nach traditioneller Art hergestellt wird. Sein Business nennt er "Jo Frommager", er verkauft auf allerlei Märkten und über seinen Online-Shop. Ein cleverer junger Franzose, der sich dem Vertrieb von nachhaltigen Produkten aus der Region verschrieben hat. Mit 24 Jahren begann er, Käse aus der Auvergne auf Märkten zu verkaufen, acht Jahre später hat er diese Auswahl verfeinert und nur noch ein Dutzend Produkte im Angebot: ein ausgewähltes Sortiment aus Rohmilchkäse, das aus bäuerlicher Produktion stammt, traditionell hergestellt und zu einem fairen Preis verkauft wird. Seine Lieferanten heißen Guy, Nicole oder Jean, und wenn man mit Jordan spricht, gewinnt man den Eindruck, daß Mensch und Produkt für ihn eine Einheit bilden müssen, sonst ist das nichts für ihn. Wir verkosten den Käse, können ihn aber leider nicht mitnehmen, vielleicht bestellen wir mal probeweise online.

 

Kulinarisch top, der Marché Lices, aber vor allem sind die Märkte faszinierende Orte zum Flanieren und Beobachten, so geht es auch uns. Wir entdecken Musikgruppen, Trommler, Country-Music-Bands und - das hat uns am besten gefallen - eine französische Gruppe, die Musik im Stil von Zaz macht und zu der man Lindy-Hop tanzen kann, was auch spontan passiert. Eine berührende Atmosphäre, ich mache einige Porträts von den Musiker:innen und wir ziehen schweren Herzens weiter.

 

Es ist inzwischen halb zwei geworden und die Händler beginnen zu packen. Es ist der Moment, in dem die Sammler auftauchen: Diejenigen, die von einem Stand zum anderen gehen wollen, suchen nach unverkauften und beschädigten Waren, die sie mitnehmen und vor dem Müll retten können. Ein Verein namens "Les Glaneurs Rennais" (man erkennt sie leicht an ihrem roten Hut) sammelt alle Produkte, die sie können und organisiert eine kostenlose Verteilung am Place des Lices. Eine beispielhafte Idee: Wegwerfen ist nicht!

 

Was wir hier zwar gefunden haben, aber nicht durch die ganze Stadt zum Auto schleppen wollen, ist Cidre. Wir wollen unbedingt noch etwas von dem betörend köstlichen Getränk mit nach Hause nehmen. Also besuchen wir einen Produzenten, der 15 km von Rennes entfernt zwischen Liffré und Noyal sur Vilaine liegt. Er heißt "Val de la Chèvre" und gehört der Familie Tropée, die sich 1969 mit vier Kühen und einem Traktor auf dem Hof niedergelassen hat. Seitdem ist viel Wasser die Chèvre hinuntergeflossen, dieser kleine Fluss, der das Tal zwischen Wäldern und Obstgärten durchzieht und von dem ihr Cidre seinen Namen hat. Der älteste Obstgarten des Hofes stammt aus dem Jahr 1946, in den 50ern wurde dann mit der Herstellung von Apfelwein begonnen. 1997 übernahm der Sohn der Familie, Régis, den Hof und forcierte ab 2007 die biologische Cidre-Produktion. Wir bekommen eine Spontan-Führung von dem eloquenten und jungen Tristan, einem Mitarbeiter, der uns mit unbändiger Leidenschaft (und fließendem Französisch) die Produktion und Philosophie erklärt. Wir verkosten "Demi sec", "Brut" und "Extra Brut", können uns nicht entscheiden und kaufen, soviel wir halt mitnehmen können.

 

Ein langer Tag und erlebnisreich dazu, unser Auto haben wir nicht geladen, weil wir mit 100% Akku in Arradon gestartet sind, dank der 22 kW Ladesäule direkt vor dem Hotel. Es ist bald sechs Uhr und wir suchen unsere heutige Unterkunft. "Castel Jolly" heißt es, liegt mitten in Rennes in einer eher unspektakulären Umgebung, aber(!): ein Tor (Öffnung ist gefühlt 1cm breiter als der ID.Buzz mit eingeklappten Spiegeln)öffnet sich und vor uns liegt das entzückendste Reihenhaus, das wir je zu Gesicht bekommen haben. Es gehört Alain und Marie Jolly, die drei Zimmer ihrer bereits erwachsenen Kinder stehen nun Reisenden zur Verfügung. Das Haus aus dem 19. Jahrhundert ist liebevollst und stilvoll renoviert, kein Wunder, denn die charmante Marie ist Architektin und Malerin. Die beiden nehmen uns temporär förmlich in die Familie auf, wir sind die einzigen Gäste, unsere Gastgeber müssen zu einer Feier bei Freunden, das Haus gehört uns allein, lediglich drei Wuschelhühner bleiben da. Vorher aber leeren wir noch eine Flasche provencialischen Rosé als Aperitif mit den beiden Gastgebern und plaudern über Gott und die Welt, Alain zeigt mir seine Plattensammlung, den historischen Plattenspieler, seine Motorradsammlung in der Garage und seinen 1972er Porsche 911. Ab Ende legt er uns noch ein 220-V-Kabel zum Auto im Hof und wir laden langsam, aber doch ein wenig. In der Nacht kommen Alain und Marie nach Hause und bemerken einen strengen Geruch, der von der erhitzten Kabeltrommel herrührt. Das Kabel ist richtig heiß geworden beim Laden.

 

Ich weiß, das ist ein sehr langer Blog-Eintrag, aber es waren heute so viele verschiedene Eindrücke, die es erst einmal zu verarbeiten gilt. Schreiben hilft dabei immer....

 

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